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Statistik: Ein Kompass im Zeitalter der Daten

23.03.2020 | Lehre/Studium | News+Stories | TU Graz news | Forschung | Studium | Banner Bachelor Studien |

Von Christoph Pelzl

Die Analysen des Instituts für Statistik der TU Graz zur COVID-19-Entwicklung zeigen, wie wichtig Statistik für die gesamte Gesellschaft sein kann. Wer sich mit Statistik auskennt, kann anhand von Daten Muster erkennen und konkrete Handlungsempfehlungen ableiten. Ein Gespräch mit den Professoren Ernst Stadlober und Wolfgang Müller.

Angewandte Statistik gewinnt im Daten-Zeitalter zunehmend an Bedeutung. An der TU Graz werden Studierenden und Unternehmensangehörigen Kompetenzen dazu vermittelt. © TU Graz – Institut für Statistik

Seit dem Coronavirus-Ausbruch in Österreich liefert das Institut für Statistik in Zusammenarbeit mit der AGES (Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit) eine tägliche Gesamtschau zur Anzahl der aktuellen COVID-19-Erkrankungen. Woher beziehen Sie die Daten für diese Berechnungen und welche Details liefern Sie?

Ernst Stadlober: Die Daten stammen aus dem Epidemiologischen Meldesystem (EMS), in dem die Gesundheitsbehörden den gesetzlichen Vorgaben entsprechend jeden Erkrankungsfall erfassen und dokumentieren. Die AGES hat Zugriff auf diese Daten und überprüft sie auf Plausibilität. Erst danach werden sie für Berechnungen in unser System eingespeist. Wir analysieren die Krankheitsfälle nach dem Datum der Erkrankung. Darauf basierend schätzen wir mit Methoden der Poisson-Regression – ein Teilgebiet der  Mathematischen Statistik – die tägliche Steigerungsrate, die Verdoppelungszeit und die effektive Reproduktionszahl, also die Anzahl der von einem Infektionsfall generierten Folgefälle.

Wie lange dauern solche Echtzeit-Berechnungen?

Wolfgang Müller: Für die Berechnung stehen fertige Tools zur Verfügung, die nach Einspeisung der aktuellen Daten quasi auf Knopfdruck aktiviert werden.

Wozu dienen diese epidemiologischen Berechnungen?

ES: Mit diesen Berechnungen lässt sich die Entwicklung rund um SARS-CoV-2 in Österreich bis auf Bezirksebene hinunter darstellen, ebenso die Altersentwicklung der Betroffenen und andere Faktoren. Die Ergebnisse helfen den Krisenstäben bei der Beurteilung der aktuellen Situation. Sie können die bisher getroffenen Maßnahmen evaluieren und anhand der Berechnungen mögliche Szenarien durchspielen.

Wie kam es eigentlich zur Zusammenarbeit mit der AGES?

ES: Auf Wunsch von AGES-Professor Franz Allerberger, Leiter des Geschäftsfeldes „Öffentliche Gesundheit“, betreue ich seit 2016 einen Dissertanten von ihm, Lukas Richter. Richter ist Statistiker bei der AGES und beschäftigt sich in seiner Dissertation mit spannenden epidemiologischen Themen wie zum Beispiel den Auswirkungen von Impfstrategien. Da war es nur logisch, dass wir unsere Expertise auch für die Bekämpfung des Coronavirus einsetzen.
WM: Schon davor gab es  gemeinsame Projekte mit der AGES, vor allem mit der Grazer Zweigstelle, wo immer wieder Absolventinnen und Absolventen von uns beruflich Fuß fassen, wie etwa Klemens Fuchs. Er ist Leiter des dortigen Fachbereichs „Integrative Risikobewertung, Daten und Statistik“ und studierte an der TU Graz Technische Mathematik mit Schwerpunkt Statistik.

Die AGES ist aber wahrscheinlich nicht der einzige Kooperationspartner…

WM: Statistische Kenntnisse werden heute in sehr vielen Bereichen benötigt. Entsprechend vielfältig gestaltet sich die Liste an Unternehmen, mit denen wir zusammenarbeiten. Die Bandbreite reicht von Akteuren der österreichischen Versicherungsbranche wie der Merkur Versicherung oder der Grazer Wechselseitigen über Unternehmen aus der Lebensmittelanalytik bis hin zu Industriegrößen wie die AVL, ams, AT& S oder Anton Paar. Außerdem gibt es Kooperationen mit öffentlichen Einrichtungen wie der Stadt Graz, für die wir Feinstaubprognosen erstellen oder den Universitätskliniken. Viele dieser Projekte werden im Rahmen von betreuten Abschlussarbeiten, also Masterarbeiten oder Dissertationen, abgewickelt.

Stichwort Abschlussarbeiten: Wie stehen die Jobchancen für Ihre Absolventinnen und Absolventen?

WM: Generell sehr gut. Wer Daten erfassen, analysieren und auswerten kann, dem stehen heute alle Türen offen. Ob in der Finanzbranche, in der Industrie oder im öffentlichen Sektor: Die Nachfrage nach unseren Absolventinnen und Absolventen ist groß. Und wer in der Forschung Karriere machen möchte, hat mit der TU Graz, der Med Uni Graz oder mit Joanneum Research attraktive Möglichkeiten direkt vor der Haustüre.

Statistik-Experten der TU Graz

Zwei Statistiker mit Leib und Seele: Ernst Stadlober (links) und Wolfgang Müller. © TU Graz – Institut für Statistik

Sie haben zuvor das Daten-Zeitalter angesprochen. Wie hat die Digitalisierung das Fach verändert?

WM: Statistisches Arbeiten hat sich durch den erleichterten bzw. automatisierten Zugang zu Daten stark gewandelt. Die Datenanalyse erfordert neben fundierten mathematischen Kenntnissen heute auch viel Know-how in Computerwissenschaften. Das Fach Statistik ist heute Teil der Data Science. Auch unser Institut folgt dieser Entwicklung: Ab dem Wintersemester 2020/21 bieten wir im Rahmen des Masterstudiums Computer Science ein Modul für Data Science an.
ES: Darüber hinaus veranstalten wir auch im Rahmen des TU Graz Life Long Learning Weiterbildungsprogramms einen Data Science Kurs.

Was müssen angehende Studierende mitbringen?

WM: Statistik ist Teil des Bachelor- und Masterstudiums der  Mathematik. Insofern sind eine mathematische Begabung und Problemlösefähigkeiten  von Vorteil. Statistik ist aber auch ein sehr interdisziplinäres Fach. Unser Institut übernimmt beispielsweise die Grundausbildung für die Bereiche Statistik, Wahrscheinlichkeitstheorie und Stochastik im Informatik-Studium sowie für die Studien Software Engineering und Maschinenbau. Statistiker und Statistikerinnen von morgen sollten also kommunikationsfähig sein: Sie werden oft und viel mit Personen anderer Disziplinen tun zu haben.

Dieser Forschungsbereich ist im „Field of Expertise“ Information, Communication & Computing verankert, einem von fünf wissenschaftlichen Stärkefeldern der TU Graz.

Information

Das Institut für Statistik der Technischen Universität Graz besteht seit 1973. Es deckt die Bereiche Wahrscheinlichkeitstheorie, Mathematische Statistik, Angewandte Statistik, Stochastik und Finanzmathematik in Forschung und Lehre ab. Weitere Informationen unter www.statistics.tugraz.at.

Die aktuellsten Auswertungen der AGES und des Instituts für Statistik rund um Covid-19-Fälle in Österreich finden sich auf der Website der ARGES.

Kontakt

TU Graz | Institut für Statistik:

Wolfgang Müller
Ao.Univ.-Prof. Dipl.-Ing. Dr.techn.
Tel.: +43 316 873 6479
w.muellernoSpam@tugraz.at

Ernst Stadlober
Univ.-Prof.i.R. Dipl.-Ing. Dr.techn.
e.stadlobernoSpam@tugraz.at