Mein Name ist Orsolya Patonai, ich bin 21 und studiere derzeit Physik an der Technischen Universität (TU) Graz. Ich bin Teil des universitären International Ambassador Programms und repräsentiere Ungarn. Als ungarische Studierendenbotschafterin habe ich mir das wichtige Ziel gesetzt, so vielen ungarischen Studierenden wie möglich dabei zu helfen, sich ins österreichische Universitätsleben zu integrieren und darauf liegt auch der Fokus dieses Beitrags. Ich studiere nun beinahe zwei Jahre in Graz und habe dadurch den Vorteil, das österreichische Bildungssystem mit dem zu Hause vergleichen zu können – auf Grundlage dessen, was ich von meinen ungarischen Freundinnen und Freunden so mitbekomme. Nun möchte ich meine eigenen Erfahrungen und Eindrücke teilen und gleichzeitig einige Tipps geben, wie man sich als ungarische Studierende oder Studierender leicht und gut ins österreichische Unileben einfügt.
Wenn du ein Studium an der TU Graz generell in Betracht ziehst und Unterstützung für deinen Aufenthalt in Österreich schon vor der Ankunft brauchst, kontaktiere das TU Graz Welcome Center.
Unterschiede zwischen dem österreichischen und ungarischen Universitätssystem
Am Beginn der Mittelschule dachte ich nicht, dass ich einmal in Österreich studieren würde. Damals versuchte ich, die Funktionsweise des ungarischen universitären Bildungssystems kennenzulernen, insbesondere auf Basis von Berichten meiner älteren Freunde. Als ich mich jedoch für die TU Graz entschied, war es nicht schwierig ins österreichische System zu wechseln, da es in vielen Fällen dem ungarischen ähnelt.
Für weitere Details zum österreichischen Universitätssystem lies den Blogbeitrag „Studieren in Österreich – Das österreichische Universitätssystem”.
Das vielleicht Wichtigste zuerst: Die ungarische Reifeprüfung ist gleichwertig mit der österreichischen. Mit einem passenden Sprachnachweis kannst du also einen großen Teil des Zulassungsprozesses relativ unkompliziert abschließen.
Zum Bewerbungs- und Zulassungsprozess empfehle ich die Webseite „Überblick Zulassung von internationalen Studienwerberinnen und -werbern”. Wenn du weitere Fragen als internationale Studierender oder Studierende hast, sind die FAQ für internationale Studierende ebenfalls hilfreich.

Trotzdem möchte ich kurz auf ein paar Unterschiede eingehen, die mir im Laufe der Zeit besonders aufgefallen sind:
- Während in Ungarn Lehr- und Prüfungsphase getrennt sind, gibt es in Österreich zusätzlich zu bestimmten Lehr- und Prüfungsphasen viel mehr Möglichkeiten, Prüfungen abzulegen, zum Beispiel während der Lehrphase oder noch bevor das neue Semester startet.
- Wenn in Ungarn eine Lehrveranstaltung nicht positiv abgeschlossen wird, muss man sie oft als Ganzes nochmals absolvieren, also nicht nur die Prüfung, sondern auch die Lehrveranstaltung. Im Gegensatz dazu besteht in Österreich ein Kurs oft aus zwei separaten Teilen und man muss nicht notwendigerweise beide Teile wiederholen.
- In Ungarn gibt es eine Tendenz zu mehr Zwischenklausuren und weniger Arbeitsaufträgen, wohingegen es in Österreich oft genau umgekehrt ist. Im Falle von mehreren wöchentlichen Arbeitsaufträgen gibt es meist weniger große Prüfungen.
- Als Studierende der Naturwissenschaften möchte ich gerne die Bedeutung von NAWI Graz beleuchten. Die TU Graz und die Universität Graz bieten dabei kooperativ Bachelor- und Master Programme in den fünf Disziplinen Biowissenschaften, Chemie, Erd-, Weltraum- und Umweltwissenschaften, Mathematik und Physik. Dies ist eine exzellente Gelegenheit für Studierende in diesen Fächern das Lehrportfolio beider Universitäten zugleich zu nutzen.
Herausforderungen als ich nach Graz kam
Ich war ungefähr 19 als ich alleine nach Graz kam und startete damals mit dem Vorbereitungskurs für deutsche Sprache (Vorstudienlehrgang). Obwohl meine Heimatstadt nahe der österreichisch-ungarischen Grenze liegt und ich schon einige ungarische Studierende in Graz kannte, lief natürlich trotzdem nicht alles sofort wie am Schnürchen.
Die Sprache
Die größte Herausforderung war wahrscheinlich die Sprache – und dabei ganz besonders der Dialekt. Am Anfang war es schwierig und ungewohnt für mich, dass das Hochdeutsch, das ich gelernt hatte, im Alltag oft gar nicht verwendet wird. Stattdessen traf ich auf viele verschiedene regionale Dialekte und Wörter, die ich nicht kannte – und manchmal nicht einmal das Wörterbuch! Das war vor allem bei offiziellen Angelegenheiten ziemlich frustrierend. Zum Glück konnte man überall auch auf Englisch Hilfe bekommen.
Überraschenderweise habe ich mich aber an die ganzen deutschen Fachbegriffe im Studium – vor denen ich echt Respekt hatte – total schnell gewöhnt. Schon nach ein paar Wochen kannte ich fast alle wichtigen Mathe‑ und Physikbegriffe auf Deutsch.
Traditionen und Kommunikation
Auch wenn sich die ungarische und österreichische Kultur im Lauf der Geschichte immer wieder berührt haben, sind die beiden Länder in vielerlei Hinsicht ziemlich unterschiedlich. Das merkt man nicht nur bei Feiertagen und Traditionen, sondern auch daran, wie Menschen miteinander reden. Manche Dinge fand ich am Anfang echt ungewohnt – und ich lerne noch immer Neues dazu –, aber genau das macht das Studieren im Ausland auch schön.
Heimweh
Und zuletzt möchte ich noch aufs Thema Heimweh eingehen. Am Anfang war es seltsam, plötzlich alles in einer anderen Sprache zu erledigen, und ich habe meine Freundinnen und Freunde von zu Hause und meine Familie oft vermisst. Das Gefühl, in einem anderen Land zu leben, war völlig neu – obwohl ich eigentlich gar nicht so weit von meiner Heimatstadt entfernt war. Was mir geholfen hat, war, möglichst viele neue Leute kennenzulernen und so viel Zeit mit ihnen zu verbringen wie ich konnte. So konnte ich die Sprache üben – und es ist einfach schön, von anderen zu hören, wie sie mit den Herausforderungen als internationale Studierende umgehen.

Leben in Österreich vs Leben in Ungarn
Seit ich in Graz lebe und studiere, fällt mir zunehmend auf, wie unterschiedlich Alltag und Uniumgebung in einem anderen Land sein können. Obwohl Ungarn nicht so weit weg ist, rücken für Studierende viele kleine Unterschiede in den Vordergrund. Basierend auf meinen eigenen Erfahrungen, würde ich hier gerne einige herausgreifen:
- Insgesamt ist das Leben ruhiger und vorhersehbarer in Österreich; abgesehen von der Prüfungszeit fühle ich mich im Alltag weniger gestresst.
- Mit den öffentlichen Verkehrsmitteln komme ich in Graz überall bequem hin.
- Bis jetzt habe ich vorwiegend positive Erfahrungen mit der Verwaltung gemacht. Alle Amtswege konnte ich schnell und reibungslos erledigen.
- Du musst beachten, dass alle Geschäfte früher schließen und Sonntag wirklich Ruhetag ist.
- Österreicherinnen und Österreicher legen großen Wert auf Pünktlichkeit und Befolgung von Regeln, und Umweltschutz genießt hohe Aufmerksamkeit.
- Als Frau ist es mir besonders wichtig, mich auf öffentlichen Plätzen sicher zu fühlen, sogar am Abend, was ich in Österreich meist kann.
- Es gibt ein multikulturelles Umfeld mit einer großen Anzahl an internationalen Studierenden.
- Der Lehrplan der Universität ist gut organisiert, die Anforderungen sind transparent und das Prüfungssystem ist besser vorhersehbar.
- Es gibt zahlreiche Möglichkeiten zum individuellen Lernen: schöne Bibliotheken, und bequeme Lernzentren mit großzügigen Öffnungszeiten.

Am Beginn lag meine Aufmerksamkeit besonders auf Fristen, wie ich kommuniziere und wie ich meine täglichen Angelegenheiten erledige. Heute gelingen mir diese Dinge fast automatisch. Nicht alles ist dabei notwendigerweise leichter geworden, sondern eher vorhersehbarer und klarer, was im täglichen Leben in Österreich ganz wichtig ist. Diese Erfahrungen haben meine heutige Lebensweise und Abläufe geprägt.
Freizeit in Graz
Neben dem ganzen Uni Trubel sind für mich auch mein Sozialleben und Entspannung total wichtig. Gerade in stressigen Phasen hilft es mir am meisten, einfach eine gute Zeit mit meinen Freundinnen und Freunden zu haben.
Unser Lieblingszeitvertreib? Ganz klar: gemütlich irgendwo sitzen, Kaffee trinken, ein Stück Kuchen essen und stundenlang quatschen. Dafür ist Graz echt perfekt: Es gibt so viele gemütliche Cafés und nette Konditoreien, dass wir inzwischen schon Stammgäste in ein paar davon sind. Danach spazieren wir oft noch durch die Innenstadt und entdecken immer wieder neue schöne Gassen. Und wenn wir etwas aktiver sein wollen, gehen wir auf den Schlossberg, dort ist der Ausblick über die ganze Stadt einfach perfekt!
Als Studierende möchte ich auch die TU Graz Spritzer- und Glühweinstände erwähnen. Fast jede Woche organisiert eine Uni Gruppe kleine Treffen auf einem der Campusareale, wo man etwas trinken und oft auch essen kann. Das ist besonders nett, weil dort hauptsächlich Leute von der Uni sind und damit eine großartige Möglichkeit besteht, neue Leute kennenzulernen und Gemeinschaft zu erleben.
Wenn wir genug gegessen und getrunken haben und uns nach Bewegung sehnen, gibt's die USI Kurse, das sind die Kurse des Universitäts-Sportinstituts der Universität Graz, wo man aus vielen Sportarten wählen kann. Die Fitnessstudios sind ebenfalls top, und mit dem Studierendenrabatt lohnt sich das richtig. Außerdem bietet die Uni auch Sprachkurse an, die man sich teilweise sogar fürs Studium anrechnen lassen kann.

Ungarische Studierende in Graz
Vor meinem Umzug nach Graz bekam ich von vielen den Ratschlag zwecks Sprache eher Kontakte zu österreichischen als zu ungarischen Studierenden aufzubauen. Ich muss zugeben, dass das während des Sprachvorbereitungskurses gut geklappt hat, weil in meiner Gruppe außer mir keine weiteren Leute aus Ungarn waren. Das überraschte mich ein wenig, aber brachte mich im Spracherwerb echt weiter. An der Uni versuchte ich mit so vielen Leuten wie möglich zu sprechen und Freundschaft zu schließen, um möglichst viel Deutsch zu üben. Natürlich bereitete es trotzdem viel Spaß, so oft wie möglich wieder mit jemandem Ungarisch zu sprechen. Sogar im Zug setze ich mich zu ungarischen Studierenden, wenn ich sie sprechen höre, und merke auch immer die gegenseitige Freude, dieses Gefühl „Ach wie nett, du bist auch Ungarin, tratschen wir ein bisschen.“
In Graz gibt es ungarische Facebook-Gruppen, und es ist definitiv wert, diesen beizutreten. Ich habe so eine Gruppe beispielsweise schon genützt, um jemanden für meine Geschirrspülreparatur zu finden. Es gibt auch eine kleine ungarische Studierendengruppe auf WhatsApp. Manchmal organisieren sie kleine Treffen, üblicher ist es aber, Fragen zu stellen und Hilfe anzubieten.
Meiner Meinung nach findest du bei Bedarf leicht Ungarinnen und Ungarn in Graz, manchmal reicht es einige Stationen mit der Straßenbahn zu fahren.
Meine Zufriedenheit mit dem Studium in Graz
Mein Freundeskreis zu Hause und meine Familie fragen mich oft, wie es mir beim Studium geht. Natürlich geht es dabei nicht immer nur um mich, sondern sie sind auch neugierig, was in Österreich anders läuft als in Ungarn. Haben sich der zusätzliche Aufwand und die investierte Zeit gelohnt? Meine Antwort darauf war stets ein ganz klares JA. Der Tag der offenen Tür an der TU Graz überzeugte mich, dass es sich auszahlen würde zuerst die Sprache zu lernen, in der ich dann mein Studium fortsetzen würde. Es ist wahr, dass ich während des Semesters Dinge als herausfordernder und Aufgaben als zeitintensiver empfinde, aber nicht ohne Grund. Alle meine Lehrveranstaltungen stehen in Bezug zueinander und ehrlicherweise könnte ich nichts als unnütz bezeichnen, was ich während der vergangenen Semester lernen musste. Alles war örtlich und zeitlich abgestimmt.

Außerdem ist die Freude umso größer, wenn etwas gut gelingt, weil ich weiß, dass ich verglichen mit meinen Studienkolleginnen und Studienkollegen aufgrund der Sprache immer mit einem kleinen Nachteil starte. Aber sehr oft ist es genau das, was mich dazu motiviert hat, das Maximum aus mir selbst herauszuholen. Eine moderne Umgebung, exzellente Möglichkeiten und hoch qualitative Lehre: das ist die TU Graz.
Kosten und Wohnen
Dieses Thema gehört meist zu den ersten Dingen, an die Eltern denken – aber auch für Studierende ist es äußerst wichtig, darüber zu sprechen. Auf konkrete Zahlen möchte ich hier nicht eingehen, aber die Beiträge zu finanziellen Themen im TU Graz Blog und die TU Graz Webseite Überblick Finanzielles können eine große Hilfe sein
Kurz zusammengefasst würde ich empfehlen, sich zunächst über verschiedene Formen der finanziellen Unterstützung zu informieren – etwa Studien-, Familien- oder Wohnbeihilfen. Zu Beginn habe ich viele E-Mails an die zuständigen Stellen geschrieben, um herauszufinden, was ich in Anspruch nehmen kann und welche Voraussetzungen jeweils gelten. Wenn man das gut organisiert, lassen sich die Kosten praktisch auf ein Minimum reduzieren.
Auch beim Thema Wohnen lohnt es sich, sorgfältig zu vergleichen und alle Möglichkeiten in Betracht zu ziehen. Ich selbst wohne momentan in einer Mietwohnung, habe aber von vielen Freundinnen und Freunden, die in einem Studierendenheim leben, fast nur Positives gehört. Die Zimmer sind sehr sauber und gut gepflegt, und viele haben nicht einmal das typische Studiheimgefühl – es ist eher so, als würde man mit Freunden in einer gemeinsamen Wohnung leben.
In Österreich zahlen die meisten Studierenden aus EU-/EWR-Ländern nur einen geringen Semesterbeitrag (den Studierendenbeitrag in Höhe von etwa 25 Euro). Auf der Webseite der TU Graz findest du Informationen zu Studienbeiträgen und zum Studierendenbeitrag sowie zu allgemeinen Aspekten des Lebens in Graz.
Zusammenfassung
Insgesamt stellte mich das Studium in Österreich und ganz konkret das Studileben in Graz vor viele Herausforderungen und gleichzeitig brachte es mir viele Möglichkeiten. Ich behaupte nicht, dass jeder Moment leicht war – besonders am Anfang, als alles neu war: die Sprache, die Erwartungen an der Universität und selbst die kleinsten Alltagssituationen. Es gab Tage, an denen ich mich ein wenig verloren fühlte, doch mit der Zeit wurden gerade diese Erfahrungen zu den wertvollsten Lernerfahrungen – und heute kann ich über vieles davon nur noch lachen.

Im Lauf der Zeit habe ich gelernt, selbstständiger zu werden, meine Tage besser zu organisieren, mit stressigen Phasen (ja, auch mit Prüfungszeiten) gelassener umzugehen und mich in einer zunächst fremden Umgebung sicherer zu bewegen. Man könnte sagen, dass vieles, was anfangs schwierig war, inzwischen ganz selbstverständlich zu meinem Alltag gehört.
Diese Jahre in Graz bedeuteten für mich weit mehr als nur eine Auslandsstudienerfahrung. Nach einer Weile habe ich mich nicht mehr gefragt, ob es die richtige Entscheidung war, hierherzukommen, sondern vielmehr, wie viel ich dabei gelernt habe und was ich aus dieser Zeit mitnehme.
Ich hoffe, dass ich mit meinen Erfahrungen anderen ein Stück weit näherbringen konnte, wie es ist, Studentin bzw. Student in Graz zu sein, und vielleicht hilft es ihnen dabei zu entscheiden, ob auch sie hier gerne ihre Studienzeit beginnen möchten.

