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Die Stadt hat Potenzial – für mehr Wildnis

13.07.2021 | TU Graz screenshots | TU Graz news | Forschung | Studium

Von Mag. Beate Mosing

Die Zukunft der Tiere liegt in der Stadt, denn private Gärten sind oft das Gegenteil von „ökologisch“. Und sogar der Rasenmähroboter spielt in die Stadtentwicklung hinein. Klingt ungewöhnlich? Nicht an der TU Graz. Denn hier steht das radikale Umdenken bei der Art, wie wir Raum nutzen, auf dem Lehrplan des Instituts für Städtebau.

Die Architektinnen und Stadtplanerinnen Eva Schwab und Aglaée Degros beim Verweilen im öffentlichen Raum. Die beiden TU Graz-Forscherinnen sind überzeugt: Temporäre Stadtmöbel (sogenannte Parklets) wie jene hier am Bild, sind eine Möglichkeit von vielen, Orte wieder attraktiv und lebendig zu machen.

„Die Zukunft der Tiere liegt in der Stadt. Denn im öffentlichen Raum gibt es einfach viel Potenzial, eine Wildnis – im ökologischen Sinn – zu schaffen“, sagt die belgische Architektin und Stadtplanerin Aglaée Degros. Sie leitet das Institut für Städtebau an der TU Graz. Die Wildnis braucht es zum Beispiel für eine funktionierende Insekten- und Vogelwelt. In der städtischen Peripherie sei das im Vergleich schwieriger. „Private Gärten sind ja oft nicht ökologisch, sondern eine Monokultur von englischem Rasen“, erklärt Eva Schwab aus dem Team von Degros. Warum? Auch wenn sie in vielen Familien wie Haustiere einen eigenen Namen bekommen … Es sind zum Beispiel die fast schon allgegenwärtigen Rasenmähroboter, die durch die Gärten pflügen und damit den Lebensraum der Kleintiere und die Artenvielfalt vernichten.

„Wir haben im Übermaß konsumiert“

Österreich ist – leider – Versiegelungseuropameister, sagt Degros: „Boden ist einfach sehr wertvoll und man muss sagen, wir haben ihn im Übermaß konsumiert.“ Deshalb brauche es einen „Shift“, eine Sensibilisierung und ein radikales Umdenken. Oder um es mit den Worten Degros zu sagen: „Wenn wir auf der grünen Wiese Storage-Flächen bauen müssen, dann haben wir einfach zu viel Zeug.“ Und Eva Schwab aus dem Team von Degros ergänzt: „Auch im Sinne der Nahrungsmittelsicherheit dürfen wir Flächen nicht falsch verwenden. Stattdessen müssen wir sie wieder für ihre ursprünglichen Zwecke einsetzen.“ Dabei muss man oft in großen Räumen denken, weil vieles nur dort möglich ist. Ein Beispiel? Grünflächen dienen der Kühlung der Stadt und besonders großflächige Grünräume haben eine wichtige Kühlwirkung. Klar, dass die in Zukunft immer stärker an Bedeutung gewinnen werden.
Was heißt das andererseits für den Autoverkehr? „Graz hat viel Potenzial für einen attraktiven Großraum mit Zugang zur Landschaft. Aber dafür muss es mit den Autos anders umgehen“, bringt es Schwab auf den Punkt. Für die Mobilität in der Stadt seien Autos nicht immer notwendig: „Der öffentliche Raum hat andere Prioritäten, als hier private Fahrzeuge abzustellen. Wir geben damit viel zu viel Platz auf, für etwas, was den Großteil des Tages herumsteht.“
Aglaée Degros glaubt, dass es über die „erlebte Qualität“ zum Umdenken kommen kann. So etwa bei den Pop-up-Radwegen in der Corona-Zeit, mit denen räumliche Tatsachen geschaffen wurden. Als positive Räume in Graz erleben Schwab und Degros zum Beispiel den Leon-hardbach, der fast wie ein Park genutzt wird. Auch die Zinzendorfgasse, die Augartenbucht oder der Lendplatz begeistern, denn hier sei die Qualität der gemischten Nutzung einfach spürbar.

Städtebau studieren

Herausforderungen gibt es aber noch viele – „zum Beispiel in der städtischen Peripherie, die noch immer für eine Auto-Mobilität geplant wird. Hier wird noch viel Arbeit nötig sein“, sagt Eva Schwab. Das Know-how dafür vermittelt das Studium an der TU Graz: Will man Städtebau in Graz studieren, arbeitet man für die Gesellschaft und nicht wie ein Architekt für einen Kunden. Gemischte Nutzung und verschiedenen Aktivitäten müssen daher zusammen gedacht werden. Die Ökologie und die soziale Gerechtigkeit dürfen nicht auf der Strecke bleiben.
Das „schlaue Kombinieren von Dingen“ steht im Zentrum – wie bei öffentlichen und privaten Flächen. Wer mit unserem Boden achtsam umgehen will, muss sich also fragen, warum ein Supermarkt keinen zweiten Stock und keinen öffentlichen Park am Dach hat … Dass der Bau-grund zu billig ist, ist die Ursache. Das sollte aber nicht als gegeben betrachtet werden und das Weiterdenken automatisch abstoppen. Hingegen müssen wir stärker in Kreisläufen denken lernen, sagen die Expertinnen.
„Muss das so sein?“ Eine der entscheidenden Fragen, die Studierende im Städtebau stellen sollten, erklärt Aglaée Degros. Die Professorin für Städtebau an der TU Graz möchte von ihren Studierenden, dass sie die Dinge in Frage stellen, um dann frei zu sein, Neues zu entwickeln.

Studieren an der TU Graz: Im Rahmen des Bachelor-Studiums Architektur arbeiten die Studierenden in Graz zum Thema Städtebau. Hier stehen die städtebauliche Planung, das Entwerfen und Darstellen im Zentrum. Stadtentwicklung sowie weitere Vertiefungen am Institut für Städtebau der TU Graz sind auch im Master-Studium Teil des Lehrplans.

Zwei TU Graz Forscherinnen spazieren auf einem Vorplatz, im Hintergrund Schülerinnen und Schüler

Eva Schwab (links) und Aglaée Degros und ihre Teams am Institut für Städtebau der TU Graz beschäftigen sich mit den städtebaulichen Herausforderungen im 21. Jahrhundert.

So lebt die Stadt (auch morgen besser)

Neues entwickelt Degros mit einem internationalen Forschungsteam auch in Luxemburg. Die Zukunftsvision ist ein carbonneutrales Luxemburg. „Das Projekt ist sehr reizvoll, weil wir ein Konzept für einen ganzen Staat entwickeln.“ Aber auch in kleinen steirischen Städten bringt sie die Forschung zum Städtebau quasi „auf die Straße“. Gemeinsam mit Projektleiterin Eva Schwab entwickelt sie unter Beteiligung der Bewohnerinnen und Bewohner Konzepte, die diese Orte wieder attraktiv und lebendig machen sollen.
In Graz arbeitet man eng mit den Verantwortlichen der Stadt zusammen, bringt die Expertise des Instituts ein und hat etwa an der Smart City Graz-West mitgearbeitet. „Hier gibt es einen guten Plan für den öffentliche Raum, aber es wird bisher noch zu stark in Kategorien gedacht. Die Dinge greifen noch nicht ineinander“, so Schwab. Das müssen sie aber. Schließlich ist eine Stadt weit mehr als nur ein Ensemble von Gebäuden. Da gibt es Zwischenräume, die Ökologie, die Aktivitäten von Menschen, die gemischte Nutzung von Räumen, und und und …

Jugend erobert Freiräume – den Stadtpark

Junge Menschen, die die neue (alte) Freiheit im Stadtpark genießen, waren nach den Lock-downs in Graz ein großes Thema. Die Jugend hat diesen Raum quasi in Besitz genommen. „Das ist gut nachvollziehbar für mich, dass die Freiheit im Park gefeiert wird“, meint Degros. „Und es ist gleichzeitig gut für unsere Disziplin des Städtebaus, denn es unterstreicht das, was wir seit Jahren schon sagen. Dass es diese Qualität braucht.“ Und die Qualität solcher Räume wie die des Grazer Stadtparks erleben junge Menschen besonders intensiv: „Vergessen Sie das nicht, wenn Sie im Beruf sind!“, rät Aglaée Degros ihren Studierenden deshalb am Ende ihrer Ausbildung.

Rote Buchstaben mit der Bezeichnung Screenshots, Mann im Hintergrund

Die Forschenden der TU Graz suchen Lösungen für die brennenden Probleme der Gegenwart. Welche Themen sie derzeit auf dem Schirm haben und was man studieren kann, um wie sie die Zukunft zu verändern, erfahren Sie auf TU Graz screenshots.

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Kontakt

Aglaée DEGROS
Arch. Univ.-Prof.
TU Graz | Institut für Städtebau
Tel.: +43 316 873 6283
a.degrosnoSpam@tugraz.at

Eva SCHWAB
Dipl.-Ing. Dr.nat.techn.
TU Graz | Institut für Städtebau
Tel.: +43 316 873 6282
eva.schwabnoSpam@tugraz.at