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MoreGrasp: Wenn das Leben wieder greifbar wird

Das Horizon2020-Forschungsprojekt MoreGrasp unter Leitung der TU Graz geht mit beachtlichen Ergebnissen im Bereich der Gedankensteuerung von Greif-Neuroprothesen zu Ende. Eine groß angelegte Machbarkeitsstudie läuft.

Forschungserfolg für das MoreGrasp-Konsortium: Dank neu bearbeiteter Hirnsignale wird die gedankliche Steuerung von Neuroprothesen in Zukunft wesentlich vereinfacht © MoreGrasp

Weiteres Bildmaterial zum Download am Ende der Meldung.

Die Idee einer bahnbrechenden Weiterentwicklung gedankengesteuerter Greif-Neuroprothesen stand am Beginn des Projektes MoreGrasp: Für Menschen, die in Folge einer Rückenmarksverletzung in der Funktion ihrer Hände stark bis vollständig eingeschränkt sind, sollte eine sensorische Greif-Neuroprothese zur Unterstützung von Aktivitäten des täglichen Lebens entwickelt werden, die die Motorik über eine Gehirn-Computer-Schnittstelle intuitiv steuert und zu einer größeren Natürlichkeit der Bewegungsabläufe führt. Am Ende der Projektlaufzeit von drei Jahren vermeldet das Konsortium, dem unter der Leitung von Gernot Müller-Putz, Leiter des Instituts für Neurotechnologie der TU Graz, auch die Universität Heidelberg, die University of Glasgow, die beiden Firmen Medel Medizinische Elektronik und Bitbrain sowie das Know-Center angehören, genau diesen Durchbruch.

Paradigmenwechsel: Die tatsächlich gedachte Bewegung als Signal

Gernot Müller-Putz erklärt das Prinzip von Brain Computer Interfaces, auf Deutsch Gehirn-Computer-Schnittstellen: „Bei einer Querschnittlähmung sind alle Schaltzentren im Gehirn und die Muskeln im betreffenden Körperteil noch vorhanden, aber die Leitung zwischen Gehirn und Extremität ist unterbrochen. Das umgehen wir, indem wir das Gehirn mit einem Computer kommunizieren lassen, der wiederum den Befehl an die Muskeln weiterleitet“. Angesteuert und zur Bewegung animiert werden die Muskeln mit Elektroden, die außen am Arm angebracht sind und zum Beispiel das Schließen und Öffnen der Finger auslösen können. Bisher arbeitete man dabei mit beliebigen gedanklichen Konzepten - wichtig war nur die ausreichende Unterscheidbarkeit der erzeugten Hirnströme zur Steuerung der Neuroprothese. Beispielsweise dachte die Probandin oder der Proband an ein Fußheben-und-Senken und das per EEG gemessene Signal öffnete die rechte Hand, dachte sie oder er beispielsweise an eine linke Handbewegung, schloss sich die rechte Hand wieder.

Weitere Informationen zu MoreGrasp finden Sie auch im Artikel Eine Umleitung für die Handfunktion auf Planet research.


Diese Technik entwickelte das MoreGrasp-Konsortium – im speziellen das Forscherteam der TU Graz – im gerade abgeschlossenen Projekt weiter und schaffte den Paradigmenwechsel. Der gedankliche Umweg über beliebige, aber deutlich unterscheidbare Bewegungsmuster ist nun nicht mehr notwendig, erklärt Müller-Putz: „Wir nutzen jetzt das sogenannte ‚attempted movement‘ – also den Versuch, eine bestimmte Bewegung auszuführen.“ Die Probandin oder der Proband versucht dabei die Bewegung – zum Beispiel den Griff nach einem Glas Wasser – auszuführen. Wegen der Querschnittlähmung wird das dabei entstehende Hirnsignal zwar nicht weitergeleitet, kann aber mittels EEG gemessen und vom Computersystem verarbeitet werden. Müller-Putz freut sich über den Forschungserfolg: „Wir arbeiten jetzt mit Signalen, die sich nur ganz geringfügig voneinander unterscheiden und dennoch gelingt es uns, die Neuroprothese damit erfolgreich anzusteuern. Für die Nutzerinnen und Nutzer ergeben sich dadurch völlig neue Möglichkeit, die deutliche Erleichterungen etwa beim Training der Bewegungsabläufe mit sich bringen werden.“ Im Projekt wurden verschiedene Griffvarianten untersucht: Der Palmargriff (Zylindergriff – etwa nach einem Glas greifen), der Lateralgriff (Schlüsselgriff – etwa einen Löffel in die Hand nehmen), das Aufmachen der Hand und das Drehen nach innen und außen.

Groß angelegte Studie

Auf einer eigenen Online-Plattform zur Vernetzung Interessierter und Betroffener können sich Endnutzerinnen und -nutzer jetzt für die Teilnahme an einer groß angelegten Machbarkeitsstudie registrieren, die die im Projekt entwickelte Technik auf ihre Alltagstauglichkeit überprüfen soll. Teilnehmerinnen und Teilnehmer, die für die Studie infrage kommen, werden nach einem aufwendigen Verfahren getestet. Danach wird jeder Probandin und jedem Probanden ein maßgeschneidertes BCI-Training zur Verfügung gestellt, das in mehrere Stunden dauernden Sessions jede Woche eigenverantwortlich absolviert werden muss. So werden Hirnsignale gesammelt und das System lernt bei jedem Versuch dazu.

Der Forschungsbereich ist im Field of Expertise „Human & Biotechnology“ verankert, einem von fünf strategischen Schwerpunktfeldern der TU Graz.

Kontakt

Gernot MÜLLER-PUTZ
Univ.-Prof. Dipl.-Ing. Dr.techn.
TU Graz | Institut für Neurotechnologie
Stremayrgasse 16/IV, 8010 Graz
Tel.: +43 316 873 30700
gernot.muellernoSpam@tugraz.at

Gernot Müller-Putz, Leiter des Instituts für Neurotechnologie der TU Graz, leitete das Horizon2020-Projekt MoreGrasp © Lunghammer - TU Graz
Der Proband hält mithilfe einer Neuroprothese eine Dose hoch - diese Bewegung konnte er vorher nicht ausführen. © MoreGrasp
Gernot Müller-Putz, Leiter des Instituts für Neurotechnologie der TU Graz © Lunghammer - TU Graz