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Digitale Transformation in der Mobilität: „Potenzial ist da, es fällt uns aber nicht in den Schoß.“

TU Graz-Forscher Mario Hirz leitet das Mobilitäts-Modul im für Herbst 2021 geplanten Universitätslehrgang „Leadership in Digital Transformation“. Im Interview spricht er über unternehmerische Chancen des autonomen Fahrens und neuer Fahrzeugkonzepte.

TU Graz-Mobilitätsexperte Mario Hirz ist überzeugt: Autonom fahrende E-Taxis prägen schon bald das Straßenbild. © Lunghammer – TU Graz

Mario Hirz, stellvertretender Leiter des Instituts für Fahrzeugtechnik an der TU Graz, weiß, welche Chancen und Herausforderungen die Digitalisierung für den Mobilitätssektor parat hält. In einem Gespräch für Face-to-face erläutert er, wie wir uns in Zukunft bewegen werden und welche Möglichkeiten sich für den Personen- und Gütertransport auftun.  

Meiner Einschätzung nach wird die Technologie in fünf Jahren aus Übersee zu uns kommen.

Der Titel Ihres Impulsvortrags lautet „Digitalisierung des Personen- und Gütertransports: Wie werden wir uns in Zukunft bewegen?“ Ohne dem Vortrag vorgreifen zu wollen, aber wie lautet Ihre Antwort?

Ich möchte diese Frage anhand des Megatrends der Individualisierung beantworten, der auch im Verkehr zu beobachten ist: Die Individualmobilität (das Bedürfnis, sich flexibel und ohne zeitliche oder örtliche Vorgaben fortzubewegen, Anm.) ist in den letzten Jahrzehnten stark gewachsen. Das hat dazu geführt, dass beispielsweise der Autoverkehr unsere Städte durch den erforderlichen Platzbedarf, durch die Abgase und den Lärm an den Rand des Kollapses bringt. In diesem Bereich stehen aber die größten Technologiesprünge bevor: Zum einen in Form neuer, umweltfreundlicherer Antriebsysteme. Zum anderen mit der Automatisierung. Autonomes Fahren eröffnet völlig neue Möglichkeiten, Roboterautos werden unser Mobilitätsverhalten grundlegend verändern.

Können Sie das an einem Beispiel festmachen?

Intelligente On-Demand-Angebote werden das eigene Auto obsolet machen. Zukünftig werden wir uns beispielsweise per App ein umweltfreundliches Robotertaxi bestellen, das uns in wenigen Minuten aufsammelt, bequem ans Ziel bringt und gegebenenfalls unterwegs noch andere Fahrgäste mitnehmen kann. Auch für die Pizza oder den Supermarkteinkauf brauchen wir uns nicht mehr selbst hinters Steuer setzen. Autonome 24h-Lieferdienste stellen uns die Waren zu, wann und wohin wir auch wollen.

Das schaffen Fahrradbotendienste heute aber auch schon.

Im Stadtzentrum sind diese Fahrraddienste effektiv, da werden sie von autonom fahrenden Autos auch nicht verdrängt werden. Im ländlichen Bereich aber klappt die Belieferung noch nicht flächendeckend. Und auch die städtischen Randbezirke befinden sich oft außerhalb des Lieferradius von Fahrradkurieren. Selbstfahrende Autos haben hier ganz andere Reichweiten und können zudem viel größere und schwerere Waren zustellen.

Bis wann werden solche Dienste bei uns zur Realität?

In Amerika fahren heute schon Testflotten autonomer Lieferfahrzeuge, zum Beispiel auf Kaliforniens Straßen. Die Robotertaxis der Google-Tochter Waymo haben im Jahr 2020 beispielsweise 630.000 Meilen auf öffentlichen Straßen abgespult – mit 144 Fahrzeugen wohlgemerkt. Dabei wurden nur(!) 21 Fehler dokumentiert: Also Fälle, wo Remote oder manuell durch das Sicherheitspersonal eingegriffen werden musste, um einen Unfall zu vermeiden. Ähnliche Zahlen präsentierte der General-Motors-Ableger für selbstfahrende Autos GM Cruise. Und das Amazon-Unternehmen Zoox hat um die Jahreswende den ersten Prototypen seines Robotaxis vorgestellt. Anders gesagt:

Autonomes Fahren ist viel näher, als manche denken.

Das zeigen die genannten Firmen sowie einige asiatischen Unternehmen, die in der Entwicklung vorne mit dabei sind. Ich rechne in ein bis zwei Jahren mit dem breiten Einsatz autonomer Autos in den USA.

Und wann sehen wir Roboterautos auf Europas öffentlichen Straßen?

Vor einigen Jahren wurde vermutet, dass autonomes Fahren erst ab 2040 möglich sein wird. Diese Zahlen sind zwar längst überholt, etwas länger wird es in Europa aber schon dauern: Meiner Einschätzung nach wird die Technologie in fünf Jahren aus Übersee zu uns kommen.

Wie ist dieser ‚Time-lag‘ zu erklären?

Das hat zweierlei Gründe: Einerseits sind und waren es Tech-Giganten wie Google, Apple, Amazon oder auch Tesla, die schon früh in diese Technologien investiert haben. Andererseits haben die gesetzlichen Rahmenbedingungen in Europa das Entwickeln und Testen von autonomen Fahrzeugen erschwert: So heißt es in der Wiener Straßenverkehrskonvention von 1968, dass ‚der Fahrer bzw. die Fahrerin immer die volle Kontrolle über sein/ihr Fahrzeug haben muss‘. Dieser Passus wurde 2016 zugunsten der Automatisierung etwas aufgeweicht. Seit damals sind autonome Fahrzeuge zulässig unter der Bedingung, dass sie vom Menschen jederzeit abgeschaltet werden können. Mittlerweile gibt es auch bei uns einige Testregionen für automatisiertes Fahren, darunter beispielsweise die Testregion ALP.Lab, an der sich auch die TU Graz beteiligt.

Gerät Europa beim technologischen Wandel ins Hintertreffen?

In Europa agieren wir vorsichtiger, speziell bei Technologien, die ein Risikopotenzial für die Gesundheit oder Gütersicherheit aufweisen. Fakt ist aber auch, dass Europa Keimzelle ist für Spitzenforschung und Spitzentechnologien, gerade im Mobilitätsektor. Wettbewerbsentscheidend wird sein, dass wir dieses Know-how in Bezug auf neue Technologien in die Unternehmen bringen.

Wie kann das gelingen?

Mit Investitionen in die digitalen Kompetenzen. Genau hier setzt der für Herbst geplante Universitätslehrgang Leadership in Digital Transformation an.

Inwiefern?

Unternehmen, die zukunftsfähig bleiben möchten, müssen Ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter schulen – und mit den Führungskräften beginnen. An diese Zielgruppe richtet sich der Lehrgang. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer bekommen das Rüstzeug, um Entwicklungstrends frühzeitig erkennen zu können. Mithilfe der Ausbildung wissen sie, welches Know-how und welche Ressourcen notwendig sind, um die digitale Transformation erfolgreich umzusetzen. Schließlich müssen sie als Führungskraft dafür sorgen, dass alle involvierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter entsprechend geschult werden. Das ist ein aufwendiger Prozess, wie unser Institut in einem realen Anwendungsfall erfahren durfte.

Dürfen Sie hier Insights nennen?

Ein deutsches Unternehmen, das Komponenten für Fahrzeuge mit Verbrennungsmotoren liefert, hat sich 2018 an uns gewandt. In Bezug auf die zukünftige strategische Ausrichtung des Unternehmens wurden wir gefragt, wie sich der Trend hin zu weniger Verbrennungsmotoren weiterentwickeln werde. Unsere Analysen hatten ergeben, dass es in diesem Marktsegment zukünftig weniger Wachstum geben wird. Also wurde mit unserer Unterstützung das Produkt-Portfolio erweitert und es wurden neue Businessmodelle entwickelt. Außerdem wurde ein mehrwöchiges Trainingsprogramm für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter entwickelt, das den Aufbau von Know-how in den Bereichen Elektrotechnik, Elektronik und Digitalisierung ermöglichte. Heute entwickelt und produziert die Firma unter anderem Systeme für autonome Fahrzeuge und expandiert weiter.     

Neue Mobilitätskonzepte schaffen demnach Arbeitsplätze…

Ja, allerdings verlangen diese eine digitale Souveränität und Resilienz. Wenn wir nicht in die Aus- und Weiterbildung dieser Skills investieren, werden die Arbeitsplätze in andere Länder gehen. Kurzum, das Potenzial ist da, es fällt uns aber nicht in den Schoß.

Information

Kontakt Universitätslehrgang:

Dr. Helmut ASCHBACHER
TU Graz Life Long Learning
helmut.aschbachernoSpam@tugraz.at

Kontakt Modul „Mobilität und Transportation Systems“:

Assoc.Prof. Dipl.-Ing. Dr.techn. Mario HIRZ
TU Graz | Institut für Fahrzeugtechnik
mario.hirznoSpam@tugraz.at; +43 316 873 35220

Kontakt

Der für Herbst geplante Universitätslehrgang Leadership in Digital Transformation vermittelt Kompetenzen für die digitale Transformation in den unterschiedlichsten Branchen. Lehrgangstart ist im Herbst. Bewerbungen sind bis 30. Juni 2021 möglich. Weitere Details (Kosten, Lehrgangsaufbau, Dauer): www.LeadTransformation.tugraz.at