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… Feldforschung in Teheran

Architektur-Masterstudentin Lola Anna Seibt verbrachte sechs Monate in Teheran, der Hauptstadt des Irans, um dort für ihre Masterarbeit zu recherchieren.

Willkommen in der Stadt, in der jeder Tag eine Geschichte birgt und Paradoxie Alltag ist. Kaum eine Stadt löst so viel Neugierde und Interesse in mir aus wie diese. Ich bin fasziniert davon, wie Menschen die existierenden Grenzen täglich ausloten und neu interpretieren. Der Divergenz zwischen dem, was als normal gelebt wird, und was gesetzlich erlaubt ist. Mich berühren die Begegnungen des täglichen Lebens, die Unterhaltungen, die Türen öffnen und Schätze offenbaren. Ich bin hier für meine Masterarbeit und mein Alltag besteht darin, die Stadt zu erforschen. Also los.

Auf in die Stadt

Ich lebe im Norden von Teheran, ganz in der Nähe der Skilifte. Rundherum sprießen neue Gebäude aus dem Gebirge hervor, direkt neben alten dörflichen Strukturen, die noch erhalten sind. 

Die graue Abgaswolke liegt wie gewohnt über der Stadt.

Vor dem Studierenden-Wohnheim rollt ein klappriger, alter, roter Mini-Bus vor - die Aufkleber im Fenster lassen vermuten, dass er früher in Österreich fuhr. Der Fahrer grüßt mich freundlich, wir kennen uns. Die Türe schließt und wir rollen los Richtung Stadtstau. Die graue Abgaswolke liegt wie gewohnt über der Stadt.

Blick von oben auf Teheran.

Blick auf Teheran. Wie gewohnt liegt eine graue Abgaswolke über der Stadt.  

Kaum nehme ich Platz beginnt auch schon das erste Gespräch. Mein Sitznachbar, ein Arzt, fragt höflich auf Englisch „Woher kommen sie?“, um darüber zu sprechen wie schwierig es ist eine Frau kennen zu lernen.

Es ist ein sonniger Sommertag in Teheran und die Hitze ist kaum auszuhalten. Der Fahrtwind hat mein Kopftuch weg geweht und ich lege es neu um, während ich mehr über das Einkommen meines Mitreisenden erfahre. Komisch zu wissen, dass er nur sechshunderttausend Euro für seine Ehe bisher ansparen konnte. Allein diese Summe zieht mir die Schuhe aus - so viel hat mein Konto noch nie gesehen. Dies ist jedoch nicht die erste Summe bei der das passiert.

Vom prunkvollen, neoklassizistisch anmutenden Interieur der 300 Quadratmeter großen Wohnungen hätte ich mir für einen Quadratmeterpreis, der Manhattan in New York ähnelt, schon mehr versprochen.

Ganz in der Nähe besichtigte ein Freund mit mir ein fast fertig gestelltes Haus. Vom prunkvollen, neoklassizistisch anmutenden Interieur der 300 Quadratmeter großen Wohnungen hätte ich mir für einen Quadratmeterpreis, der Manhattan in New York ähnelt, schon mehr versprochen. Eine Runde im Pool würde ich jedoch nicht ausschlagen. 

Die Fahrzeuge drängen sich wie gewohnt nebeneinander durch die Straßen - ein Taxi nutzt die Gegenspur, um ein bisschen Staulänge gut zu machen. Der Bus füllt sich langsam und wir nähern uns Tarjish, der nördlichsten U-Bahn-Station in Teheran. Hier werde ich aussteigen. Nach einer halben Stunde haben wir die sechs Kilometer lange Strecke hinter uns gebracht. Jetzt ein Kaffee.

Café Lamiz

Vor dem Café Lamiz sitzen junge Iraner und Iranerinnen wie Hühner auf einer Stange. Einige schlürfen genüsslich ihre Getränke, andere warten auf ihre Bestellung. Die Stimmung ist gelassen.

Menschen sitzen an einem kleinen Kanal und trinken Kaffee.

Wir trinken Kaffee entlang eines Wasserlaufes. 

Drinnen hängen über der Couch Schmetterlingszeichnungen vor Ziegelmauerwerk. Dank zweisprachiger Karte kann hier auch jeder bestellen, der kein Farsi lesen kann.

Dank VPN umgehe ich die Filter im Iran und füge Nelson auf Facebook hinzu. 

Im Café sitzt Nelson, der bei der südafrikanischen Botschaft arbeitet. Nelson hat iranische Eltern, ist in Afrika geboren, lebt die meiste Zeit in Kanada und arbeitet jetzt hier. Auf die Einladung, das schnelle Internet in der Botschaft zu nutzen, folgt eine Einladung uns wieder zu sehen. Dank VPN umgehe ich die Filter im Iran und füge Nelson auf Facebook hinzu. Ich mag weiter. Mein Blick schweift hinaus - vor dem Fenster gehen gerade mehrere in Tschador gehüllte Frauen vorbei. Tschador bezeichnet das schwarze, lange Gewand, das Frauen im Iran tragen sollten. Ich verabschiede mich, um weiter die Stadt zu erkunden...

Information

Lola Anna Seibt (28) schließt derzeit ihre Masterarbeit im Studienfach "Architektur" an der TU Graz ab. Das besondere Interesse an Teheran liegt für sie im Spannungsfeld zwischen kulturellem, politischem und individuellem Alltagsleben und dessen Auswirkung auf den urbanen Raum innerhalb des muslimisch geprägten Staats. Für den sechsmonatigen Aufenthalt in Teheran wurde ihr vom Büro für Internationale Beziehungen und Mobilitätsprogramme das Stipendium für "Kurzfristige wissenschaftliche Arbeiten im Ausland" zugesprochen. Durch den Aufenthalt in Teheran konnte sie den Kontakt zu Professoren der Fakultät für Architektur der Beheshti Universität, der Teheran Universität und der Azad Universität Teheran herstellen. 

Kontakt

Lola Anna SEIBT
Fakultät für Architektur
TU Graz
Rechbauerstraße 12, 8010 Graz
E-Mail: lola.seibtnoSpam@student.tugraz.at