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… Autofahren in der Holzbox

Liebe zu technischen Spielereien gehört an der TU Graz quasi zum Job. Nicht verwunderlich also, dass ich „HIER“ rufen musste, als Probandinnen für Versuche im hauseigenen Fahrsimulator gesucht wurden.

Ein Auto von innen. Blick von der hinteren Sitzbank aus. Vor dem Fahrenden ist ein Lenkrad sichtbar. Vorne ist die Windschutzscheibe, vor der Bildschirme angebracht sind. Auf den Bildschirmen wird eine Straße simuliert.
Mein „Arbeitsplatz“ für rund eine Stunde – so sieht der TU Graz-Fahrsimulator von innen aus.

„In Wirklichkeit fahre ich besser“, ist so ziemlich mein erster unglaublich zerknirschter und entschuldigender Satz beim Eingewöhnen an das Fahrgefühl im Simulator in der Inffeldgasse. Orientierung verloren, auf der falschen Fahrbahnseite gestartet, dezentes Zittern beim Spurhalten und gleich mal weit über der Maximalgeschwindigkeit. Das fängt gut an. 

In Wirklichkeit fahre ich besser.

Mein eigentlicher Arbeitsplatz und Schreibtisch befindet sich in der Rechbauerstraße 12 – Alte Technik. In der Serviceeinrichtung Kommunikation und Marketing bin ich für den elektronischen Newsletter und zwei Magazine zuständig. Heute habe ich den Schreibtisch aber gegen das Cockpit des TU Graz-Fahrsimulators getauscht, der am Campus Inffeldgasse für teils großangelegte Studien mit einer großen Zahl an Probandinnen und Probanden wertvolle Daten für unterschiedlichste Forschungsprojekte liefert. 

Dazu fahren Sie bitte einfach durch die Betonmauer, die die Fahrstreifen voneinander trennt, durch.

„Drehen Sie bitte das Fahrzeug um und fahren Sie auf unsere eigentliche Teststrecke“, weist mich der Versuchsleiter, der am Beifahrersitz Platz genommen hat, an. „Dazu fahren Sie bitte einfach durch die Betonmauer, die die Fahrstreifen voneinander trennt, durch.“ Bitte wie? Und obwohl nichts passieren kann und wird, kostet es einigermaßen große Überwindung, einfach mal schnurgerade auf eine (wenn auch simulierte) Betonmauer auf der Autobahn zu zufahren. Und dann werde ich – auf der richtigen Fahrspur angekommen – auch noch direkt von einem (simulierten) LKW geschnitten, der mich partout nicht in den Verkehr einfädeln lassen will. Als wir schlussendlich doch unfallfrei auf der Teststrecke gelandet sind und ich mich halbwegs an das Fahrgefühl gewöhnt habe, habe ich endlich Zeit, mir meinen heutigen „Arbeitsplatz“ ein wenig genauer anzusehen. 

Verschiedene Szenarien

Im Forschungsprojekt RENNT werden verschiedene Hinweis- und Leitsysteme an Mautstellen getestet. Unterschiedliche Szenarien müssen – angeleitet vom Versuchsleiter – gemeistert werden. Ich sitze in einem umgebauten Mini Countryman, der keinen Motor mehr besitzt und auch sonst nur noch äußerlich etwas mit einem klassischen Straßenfahrzeug gemeinsam hat. Das Fahrzeug hätte eigentlich verschrottet werden sollen und bekam in der kleinen schwarzen Holzbox in der Werkstatthalle am Campus Inffeldgasse ein zweites Leben geschenkt. Entwickelt wurde der Forschungssimulator vor wenigen Jahren vom TU Graz-Institut für Fahrzeugtechnik in Zusammenarbeit mit Fraunhofer Austria, AVL und SBW Technology. Damals entstand im laufenden Projekt MueGen Driving plötzlich Bedarf an Versuchen unter exakt gleichen und sicheren Verhältnissen mit einem sehr großen Proband/innenkreis. „An und für sich wäre so ein Simulator auch fix und fertig zu kaufen gewesen, aber das war uns zu fad und bietet dann auch nicht die Möglichkeiten, spezifisch für weitere Forschungsprojekte Erweiterungen einzubauen“, erklärt Arno Eichberger, Leiter des Instituts für Fahrzeugtechnik und maßgeblich für die Konzeption und den Bau verantwortlich.

Der Fahrsimulator ist ein umgebauter Mini Countryman, der von Bildschirmen umringt ist.

Rund um mich sind Bildschirme montiert – drei an der Windschutzscheibe, je einer an allen Seitenscheiben und sogar einer hinter der Rückscheibe, in dem ich den Verkehr hinter mir sehe. Ja, ich bin nicht alleine auf der Autobahn – das wäre auch zu einfach. Mit mir fahren PKW und LKW, manchmal vor, manchmal neben, manchmal hinter mir und manchmal einfach durch mich durch – auch die beste Simulation macht mal Fehler. Der Verkehr wird auf Basis von gemessenen Verkehrsströmen durch eine Verkehrsflusssimulation des Instituts für Straßen-und Verkehrswesens sehr realistisch erzeugt. Die Geräuschkulisse ist der in einem richtigen Fahrzeug zum Verwechseln ähnlich – für einige Sekunden stellen wir probeweise die Töne ab, was ein wirklich seltsames Gefühl ist und mich völlig desorientiert zurücklässt, vor allem, was die eigene Fahrgeschwindigkeit anbelangt. Dass die Geräusche nicht von einem Mini Countryman, sondern einem Audi A8 sind, hätte ich auch im realen Leben und Straßenverkehr niemals bemerkt. Das Lenkrad gibt Feedback, lässt sich nicht einfach herumdrehen und vibriert, wenn ich wieder mal etwas zu weit am Straßenrand unterwegs bin. 

Lenken, Blinken, Angurten?

Bevor der Versuch startet, müssen die Blickkameras kalibriert werden – ab diesem Zeitpunkt wird unentwegt aufgezeichnet, wohin ich gerade schaue. Schon vor dem Einsteigen wurde ich verkabelt, damit auch meine Vitalwerte gemessen werden können. „Soll ich eigentlich blinken, schalten und mich angurten?“ frage ich einigermaßen ratlos. „Machen Sie das bitte, wie es sich für Sie am natürlichsten anfühlt. Manche mögen es, manche nicht. Nötig ist es für den Versuch aber nicht“, wird mir erklärt.

Soll ich eigentlich blinken, schalten und mich angurten?

Vor meinem Versuch habe ich schon viel von der „Simulatorkrankheit“ gehört. Das ist das immer schlimmer werdende Gefühl in der Magengegend, wenn die optische Wahrnehmung nicht mit den gefühlten Bewegungen zusammenpasst. „Sie können die Türe jederzeit öffnen, wenn es Ihnen nicht gut geht – aber bitte mit viel Kraft, da hängt außen noch der Bildschirmverbau und die Holztüre dran“, klärt mich der Versuchsleiter auf. Und für den äußersten Notfall ist zwischen uns auch noch ein dicker, roter Notknopf, der die Simulation sofort stoppen würde. Ich stelle mir einfach vor, ich sitze in einem überdimensionalen und perfekt gemachten Computerspiel – und alles geht ohne Übelkeit vorüber. 

Zivilstreife

Die Aufgaben im Simulator sind interessant, schnell gewöhne ich mich an den Fahrstil, lasse mich von anderen Verkehrsteilnehmerinnen und -teilnehmern nicht mehr behindern und fahre etwas wagemutiger als im echten Leben. Tja, eine Zivilstreife wurde zum Glück nicht mitprogrammiert... 

Als ich eine gute Stunde später aus dem Wagen aussteige, kehre ich glücklich und mit einer neuen Erfahrung zurück in die reale Welt und auf mein Fahrrad – mit dem Wissen, mit allen Daten, die während meiner Fahrt gemessen wurden, dem Forschungsprojekt RENNT wichtige Ergebnisse geliefert zu haben. 

Information

Das erste Forschungsprojekt, in dem der Fahrsimulator an der TU Graz maßgeblich eingesetzt wurde, war das Projekt MueGen Driving, in dem das Vertrauen unterschiedlicher Personen in Fahrerassistenzsysteme untersucht wurde. Hier geht es zum Planet research-Artikel über das Projekt.

Für die Versuche im Fahrsimulator werden laufend interessierte Personen gesucht. Informationen gibt es bei Arno Eichberger unter E-Mail arno.eichbergernoSpam@tugraz.at

Kontakt

Arno EICHBERGER
Assoc.Prof. Dipl.-Ing. Dr.techn.
Institut für Fahrzeugtechnik
Inffeldgasse 11/II
8010 Graz
Tel.: +43 316 873 35210
arno.eichbergernoSpam@tugraz.at