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Widerstand gegen den Nationalsozialismus: Ausstellung von Architekturstudierenden

22.06.2020 | News+Stories | TU Graz news | Events |

Von Susanne Eigner

Architekturstudierende der TU Graz konzipierten eine Wanderausstellung, die anhand von vier Fallstudien Spuren des Widerstands gegen das NS-Regime in der Steiermark rekonstruiert. Derzeit zu sehen in Leoben, danach in Graz und Eisenerz.

Anhand von vier exemplarisch ausgewählten Orten in der Steiermark haben die Studierenden verschiedene Aspekte von Widerstandshandlungen gegen das NS-Regime erforscht und dokumentiert. © Anna Sachsenhofer - TU Graz

Wie hat der Widerstand gegen den Nationalsozialismus in der Steiermark ausgesehen? Wie in Graz, Leoben, Deutschlandsberg und Eisenerz? Wie können angehende Architektinnen und Architekten dazu forschen und die Ergebnisse präsentieren? Am Institut für Architekturtheorie, Kunst- und Kulturwissenschaften der TU Graz hat sich eine Gruppe Architekturstudierender intensiv mit diesen Fragen auseinandergesetzt. Zum 75. Jahrestag der Befreiung Österreichs durch die Alliierten zeigen sie die Ergebnisse ihrer Recherche und Analyse in einer von ihnen kuratierten und gestalteten Ausstellung in Graz, Deutschlandsberg, Leoben und Eisenerz.

„Topographie des Widerstands in der Steiermark. 1938–1945“
Leoben: 23. Juni bis 5. Juli, Hauptplatz (beim Durchbruch)
Graz: 7. bis 19. Juli, Universalmuseum Joanneum / Museum für Geschichte, Sackstraße 16 (im Durchgang)
Eisenerz: 18. bis 30. August, Theodor-Körner-Platz

Vier exemplarische Orte

Die Studierenden haben ein Semester lang anhand der vier exemplarisch ausgewählten Orte verschiedene Aspekte von Widerstandshandlungen gegen das NS-Regime erforscht und dokumentiert. Dafür wurden Quellen aus Archiven in Österreich, Frankreich, Deutschland und Slowenien untersucht, historische Dokumente ausgewertet, Biographien von Beteiligten erforscht, Orte des Geschehens mit den Mitteln der forensischen Architektur rekonstruiert und die Forschungsergebnisse durch Informationsgraphiken, 3D-Visualisierungen sowie Modelle visualisiert.

Die Ausstellung setzt sich aus Displayobjekten zusammen, die – räumlich aufgefaltet – einen Außen- und einen Innenraum erzeugen. Der Innenraum zeigt an jedem Ausstellungsort wechselnde Inhalte zum jeweiligen Widerstand vor Ort; der Außenraum gibt einen allgemeinen Einblick in das Thema des Widerstands in der Steiermark zwischen 1938–1945. Diese allgemeine Dokumentation wurde von den Studierenden Ema Drnda, Thomas Lienhart und Lung Peng erarbeitet.

NS-Verbrechen in der SS-Kaserne Graz-Wetzelsdorf 1945

In den letzten Wochen des Zweiten Weltkriegs 1945 fallen in der SS-Kaserne Graz-Wetzelsdorf über 200 Menschen NS-Verbrechen zum Opfer. Die Spuren des Verbrechens werden verschleiert. Durch die Rekonstruktion des Geschehens und anhand von Recherchen über die Opfer versuchen die  Studierenden Lisa-Marie Dorfleitner, Max Frühwirt und Milan Sušić einen Beitrag zur Aufarbeitung dieses NS-Verbrechens zu leisten.

„Kampfgruppe Steiermark“

Anna Sachsenhofer, Alice Steiner und Thomas Tunariu widmeten sich den Aktivitäten der Widerstandsgruppe „Kampfgruppe Steiermark“, die 1944/45 im slowenisch-steirischen Grenzgebiet rund um Deutschlandsberg agierte. Die drei Studierenden konnten nachzeichnen, wie die Mitglieder der „Kampfgruppe Steiermark“ gemeinsam mit vor Ort agierenden Partisanen Widerstand leisteten und Sabotageakte und Störaktionen gegen das NS-Regime durchführten. Die Studierenden zeigen, dass der Widerstand für viele Mitglieder der „Kampfgruppe Steiermark“ bereits mit den Februarkämpfen 1934 gegen den Faschismus in Österreich begonnen hatte und eine über zehnjährige Emigration quer durch Europa zur Folge hatte.

„Österreichische Freiheitsfront“

Der sogenannte „Anschluss“ von Österreich 1938 an das Dritte Reich wurde auch in den von Industrie geprägten Städten entlang der Eisenstraße in der Steiermark von der Bevölkerung überwiegend befürwortet. Zugleich formierte sich aber auch vielfältiger Widerstand, etwa in Form der Partisanengruppe „Österreichische Freiheitsfront“ (ÖFF) in Leoben-Donawitz. Diese konnte ihren Kampf gegen das NS-Regime nur durch die Unterstützung eines breiten, über die gesamte Obersteiermark verteilten Hilfsnetzwerks führen. Auch mitten im Leobener Stadtgebiet riskierten viele Menschen ihr Leben, um die Partisanen mit Lebensmitteln, Kleidung, Informationen sowie mit Unterkünften zu versorgen. Die Studierenden Flora Flucher, Matthias Hölbling und Katharina Url verorten ebendieses Netzwerk anhand einer Stadtkarte und zeigen dadurch, in welchem gefährlichen Umfeld die Unterstützerinnen und Unterstützer dabei selbst operierten.

KZ-Außenlager Eisenerz

Am 15. Juni 1943 beginnt mit einem Transport von 400 polnischen KZ-Häftlingen von Gusen nach Eisenerz die dokumentierte Geschichte des Konzentrationslagers Eisenerz im Gsollgraben, einem Außenlager des KZ Mauthausen. Bis zum Frühjahr 1945 starben dort mindestens 126 Häftlinge. Die Wachleute des KZ-Außenlagers Eisenerz mussten sich wegen ihrer Verbrechen nie in einem Prozess verantworten; am Schauplatz im Gsollgraben erinnert heute nichts mehr an das KZ-Außenlager. Die Studierenden Janika Döhr, Viktoriya Yeretska sowie Armin Zepic lokalisieren und rekonstruieren in der Ausstellung erstmals das KZ-Außenlager Eisenerz mit Hilfe von Aussagen und Skizzen des ehemaligen Häftlings und Überlebenden Jan Otrebski sowie anhand zusätzlicher Originaldokumente.

Mitwirkende Studierende:
Lisa-Marie Dorfleitner, Janika Döhr, Ema Drnda, Flora Flucher, Max Frühwirt, Matthias Hölbling, Thomas Lienhart, Lung Peng, Thomas Tunariu, Anna Sachsenhofer, Alice Steiner, Milan Sušić, Katharina Url, Viktoriya Yeretska sowie Armin Zepic

Die Ausstellung wurde unterstützt von:
Architekturfakultät TU Graz; Arbeitsgemeinschaft der politisch Verfolgten (KZ-Verband–Landesverband Steiermark der österreichischen AntifaschistInnen, WiderstandskämpferInnen und Opfer des Faschismus; ÖVP-Kameradschaft der politisch Verfolgten und Bekenner für Österreich; Bund sozialdemokratischer FreiheitskämpferInnen, Opfer des Faschismus und aktive AntifaschistInnen); ARTEC group GmbH; Institut für Architekturtheorie, Kunst- und Kulturwissenschaften (AKK); Kammer der ZiviltechnikerInnen–Steiermark und Kärnten; TILLY Holzindustrie Gesellschaft m.b.H

Information

Coronabedingt müssen die jeweiligen Ausstellungen zwar ohne offizielle Eröffnungsveranstaltung auskommen, aber die Kuratorinnen und Kuratoren melden sich mit einer kurzen Audio-Einführung zu Wort. Mehr dazu auf der Website des Instituts für Architekturtheorie, Kunst- und Kulturwissenschaften. Die Audio-Einführung kann auch in der Ausstellung durch Einscannen des QR-Codes auf das Display abgerufen werden.

Kontakt

Daniel GETHMANN
Assoc.Prof. Mag.art. Dr.phil.
TU Graz | Institut für Architekurtheorie, Kunst- und Kulturwissenschaften
Tel.: +43 316 873 6279
E-Mail: daniel.gethmannnoSpam@tugraz.at