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„Es braucht ein Bekenntnis zum nachhaltigen Bauen“

03.09.2019 | News+Stories | TU Graz news | Events |

Von Christoph Pelzl

Alexander Passer, Leiter der Arbeitsgruppe Nachhaltiges Bauen an der TU Graz, holt mit der Sustainable Built Environment D-A-CH Conference 2019 (kurz SBE19 Graz) eine der wichtigsten Konferenzreihen zum Thema "Nachhaltiges Bauen" nach Graz.

Nachhaltig Bauen bedeutet, Gebäude ganzheitlich und aus der Lebenszyklusperspektive so zu planen, zu errichten und zu betreiben, dass sie für die nächsten Generationen keine Altlast darstellen © TU Graz

Von 11. bis 14. September findet an der TU Graz die Sustainable Built Environment D-A-CH Conference 2019 statt. Die Veranstaltung ist Teil einer großen internationalen Konferenzreihe, die sich mit nachhaltigen Gebäuden und Bauwerken beschäftigt. Organisiert wird sie heuer erstmals länderübergreifend als D-A-CH-Format von der TU Graz gemeinsam mit der Universität für Bodenkultur Wien (BOKU Wien), dem Karlsruher Institut für Technologie und der ETH Zürich. Im Zentrum steht nachhaltiges Bauen in all seinen Facetten, wobei sich das Grazer Programm auf die Schwerpunkte Gebäude, Gebäudedesign, Stadtentwicklung, Bauprozesse und –produkte sowie Digitalisierung (Building Information Modeling) fokussiert. Auch die von der UN formulierten Ziele zur nachhaltigen Entwicklung (die Sustainable Development Goals - SDG), insbesondere Ziel 11 (Nachhaltige Städte und Gemeinden) sowie Ziel 13 (Maßnahmen zum Klimaschutz) stehen am Programm. Vorab liefert Alexander Passer zehn Antworten zu Fragen rund um die Konferenz und das Thema „Nachhaltiges Bauen.“  

1. Wer wird bei der SBE 19 dabei sein?

Die Konferenz dient als Plattform für den Austausch zwischen Wirtschaft, Wissenschaft und Politik. Aus allen drei Bereichen werden internationale Expertinnen und Experten in Graz sein. Die bekannte Klimaforscherin und Mitautorin des Sonderberichts zum 1,5 Grad-Ziel des Weltklimarates Diana Ürge-Vorsatz spricht darüber, warum jetzt ein radikales Umdenken in der Branche nötig ist, um die Klimaziele zu erreichen. Auch der britische Architekt, Forscher und Autor Richard Lorch, der unter anderem die Europäische Kommission in Fragen der nachhaltigen Stadtentwicklung berät, steuert eine Keynote bei. Er ist Mitglied der Denkfabrik „The Edge“, die die politische Agenda zur Reduktion der CO2-Emissionen im Baugewerbe radikal ändern möchte. Zudem bekommen Besucherinnen und Besucher in rund 200 wissenschaftlichen Vorträgen sowie einer umfangreichen Fachausstellung Einblicke in die aktuellen Entwicklungen zum Thema Nachhaltigkeit im Bausektor.

2. Was sind die genauen Themen?

Inhaltliches Dach ist die nachhaltige Entwicklung in der Baubranche, allen voran die Frage nach Umweltauswirkungen von Gebäuden. Die thematische Palette reicht von Maßnahmen zur Reduktion von Bauabfällen, CO2-Emissionen und des Wasser-Fußabdruckes (also dem Verbrauch von Wasser für die Materialproduktion) im Bausektor über Präsentationen der neuesten nachhaltigen Baumaterialien bis hin zu neuen digitalen Planungsmethoden und der Vorstellung von aktuellen Best-Practice-Projekten.

3. Was bedeutet nachhaltiges Bauen genau?

Der Begriff umfasst viel mehr als ökologische Aspekte des Bauens oder Energieeffizienz. Nachhaltiges Bauen beginnt bei der (städtischen) Raumplanung und endet beim sorgsamen Umgang mit natürlichen Rohstoffen. Kurz: Nachhaltiges Bauen bedeutet, Bauwerke ganzheitlich (ökologisch, ökonomisch und sozio-kulturell) und aus der Lebenszyklusperspektive derart zu planen, zu errichten und zu betreiben, dass sie für die nächsten Generationen keine Altlast darstellen.

4. Auf welche Stoffe wird beim nachhaltigen Bauen zugunsten welcher Stoffe verzichtet?

Hier ist es wie in anderen Bereichen des Lebens: Regionale Verfügbarkeit vor globaler Herkunft und je natürlicher, desto besser. „Ökologische“ Materialien wie beispielsweise Holz- und Lehmbaustoffe sowie Schafwolle, Hanffasern und andere nachwachsende Rohstoffe, die zur Wärmedämmung eingesetzt werden, haben natürlich einen „Startvorteil“. Es muss aber immer auf den gesamten Lebenszyklus und alle Umweltauswirkungen geachtet werden. Nachhaltiges Bauen lässt sich aber nicht allein am fertigen Baustoff festmachen, sondern auf Gebäudeebene. Hier muss die graue Energie miteinberechnet werden, also jene Energie, die während der Herstellung und Entsorgung der Baumaterialien benötigt wird. Hier arbeitet auch die Beton- und Ziegelindustrie laufend an neuen Innovationen. Grundsätzlich ist der Lebenszyklus des Materials von entscheidender Bedeutung. Eine Lösung wäre zum Beispiel die Planung mit dem sogenannten Building Information Modeling (BIM), also dem softwareunterstützten Planen und Bauen von Gebäuden. Mit dieser Methode können auch zukünftige Rahmenbedingungen wie etwa die Ressourcenverknappung und Aspekte des Klimawandels berücksichtigt werden.

5. Ist Nachhaltigkeit in der Baubranche angekommen oder gibt es nach wie vor Bedenken wegen der Wirtschaftlichkeit?

In den letzten Jahren hat sich in der Branche viel getan, in Sachen Nachhaltigkeit wird in der Bauwirtschaft an vielen Schrauben gedreht. Mit ein Grund ist nach Meinung von Alexander Passer auch der Wertewandel in der Gesellschaft: Investoren, Unternehmen, Nutzerinnen und Nutzer übernehmen heute bereits mehr Verantwortung gegenüber der Umwelt. Die vorhandenen Möglichkeiten werden allerdings bei weitem nicht ausgenützt, gerade im Hinblick auf die Klimaschutzziele sind wesentlich größere Anstrengungen notwendig. Klimafreundliche Gebäude und leistbarer Wohnraum schließen einander nicht aus. Im Gegenteil, wie das Beispiel der thermischen Sanierung zeigt: Die Sanierungskosten werden im Lebenszyklus durch die verringerten Energiekosten mehr als ausgeglichen.

6. Wie kann mehr Bewusstsein für nachhaltiges Bauen geschaffen werden?

Das Bewusstsein ist in der Gesellschaft heute durchaus da. Was es aber braucht, ist ein klares Bekenntnis der Politik zu nachhaltigen Gebäuden. Es gibt zwar mit den geschaffenen Normen für „Nachhaltiges Bauen“ ein einheitliches Nachhaltigkeitsverständnis. Allerdings hat man es seither verabsäumt, die Rahmenbedingungen für das Bauen weiter zu präzisieren und zu schärfen. Ein möglicher Ansatz ist, auf sein persönliches CO2-Budget für die unterschiedlichen Lebensbereiche zu achten.

7. Welche politischen Entscheidungen sind dafür nötig?

Anreize und Fördermittel müssen noch stärker in Richtung nachhaltiger Bauprojekte gelenkt werden. Hierzu braucht es zuvor aber klare Bestimmungen, woran sich solche Projekte erkennen lassen. Auf europäischer Ebene arbeiten Expertinnen und Experten aktuell an einem Klassifikationsschema, das diese Frage beantworten soll.

8. Was sind die Vorteile von nachhaltigem Bauen für Bauträger/in bzw. Endverbraucher/in?

Für Bauträger/innen liegen die Vorteile im langfristigen Werterhalt der Gebäude und in der Risikominimierung. Für Endverbraucher/innen stellt die höhere Gebäudequalität einen deutlichen Mehrwert dar.

9. Ist nachhaltiges Bauen teurer? Ab wann rechnet es sich?

Nachhaltiges Bauen erfordert jedenfalls eine sorgfältigere Planung, die nicht zwangsläufig mit Mehrkosten verbunden sein muss, sondern eher bösen Überraschungen in der Ausführungsphase vorbeugt. Klimawandelanpassungsmaßnahmen, der Tausch von Heizungssystemen oder der nachträgliche Einbau von Kühlsystemen können sehr teuer werden und zu einem Wertverlust führen.

10. Gibt es Vorzeigeprojekte für nachhaltiges Bauen?

In Graz gibt es mehrere Best Practice-Projekte für nachhaltiges Bauen, bei denen die Arbeitsgruppe Nachhaltiges Bauen der TU Graz involviert war. Zum einen die Smart City Graz mit dem 14-geschoßigen Science Tower, dessen Fassade aus Energieglas ummantelt ist, die Energie produziert. Die Tiefenbohrungen in Kombination mit der Betonkernaktivierung ermöglicht ein weitgehend emissionsfreies Heizen und Kühlen des Gebäudes, das außerdem mit einem fahrbaren Beschattungssystem mit integrierter Photovoltaik ausgestattet ist. Beim zweiten Projekt handelt es sich um den Plusenergieverbund Reininghaus Süd, ein Stadtteil der sich selbst mit Strom und Energie versorgt. Ein weiteres Projekt, das die Arbeitsgruppe von Alexander Passer wissenschaftlich begleitet hat, ist die erste Plus-Energie-Sanierung in Kapfenberg, bei der vorgefertigte Fassadenelemente mit integrierten aktiven Solarmodulen zur Sanierung eingesetzt wurden. 

Mehr zum Thema finden Sie im Artikel "Nachhaltiges Bauen ist Einstellungssache" auf Planet Research.

Information

Sustainable Built Environment D-A-CH Conference 2019
Wann: 11. bis 14. September 2019
Wo: TU Graz, Campus Alte Technik, Rechbauerstraße 12, 8010 Graz
Weitere Details zum Programm und zur Registrierung finden sich auf der Tagungs-Website

Kontakt

Alexander PASSER
Assoc.Prof. Dipl.-Ing. Dr.techn. MSc
Institut für Materialprüfung und Baustofftechnologie mit angeschlossener TVFA für Festigkeits- und Materialprüfung
Arbeitsgruppe Nachhaltiges Bauen
Waagner-Biro-Straße 100/XI, 8020 Graz
Tel.: +43 316 873 7153
alexander.passernoSpam@tugraz.at
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