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„Das Studium macht niemand allein“

Viele Erstsemestrige starten ihr Studium an der TU Graz mit der Übung „Grundlagen der Elektrotechnik“. Warum ihr Feedback mehr zählt als der jüngst errungene Staatspreis für Lehre, erklären Paul Baumgartner und Daniela Hell im Interview.

Lehrveranstaltungsleiter Paul Baumgartner und Studentienassistentin Daniela Hell im Gespräch über die Erstsemestrigen-Übung „Grundlagen der Elektrotechnik“ an der TU Graz.

 

Ein Viertel unserer Erstsemestrigen meint, in Physik nicht gut genug zu sein. Rund 18 Prozent glauben, dass sie die Mathematik nicht gut beherrschen. Somit fühlen sich viele schon überfordert, bevor sie überhaupt anfangen. Wir haben einen sehr starken Fokus darauf gelegt, diese Studierenden abzuholen. (Paul Baumgartner darüber, wie das Lehrteam neuen Studierenden den Schrecken vor der Universität nehmen will)

News+Stories: Sie haben kürzlich als Lehrveranstaltungsleiter mit Ihrem Team den „Ars Docendi 2021 – Staatspreis für exzellente Lehre“ in der Kategorie „Qualitätsverbesserung von Lehre und Studierbarkeit“ entgegengenommen. Was bedeutet das für Sie?

Paul Baumgartner: Es ist natürlich eine schöne Wertschätzung für die Arbeit der letzten Jahre – es fließt doch sehr viel Zeit in das Projekt, damit die Qualität hoch bleibt. Die erste Anerkennung war aber das Feedback der Studierenden, das darauf hingedeutet hat, dass die Arbeit passt – und das ist eigentlich wichtiger. Jetzt haben Profis das bestätigt.
Daniela Hell: Für mich als Studienassistentin ist es motivierend zu sehen, dass unser Engagement in Verbindung mit unserem modernen, unkonventionellen Lehrstil, die die Lehrveranstaltung über die letzten vier Jahre im stetigen Austausch mit den Studierenden stetig verbessert haben, jetzt auch offiziell honoriert worden ist.

Wer besucht die Übung „Grundlagen der Elektrotechnik“?

Baumgartner: Zu Beginn, vor vier Jahren, haben wir in der Übung „Grundlagen der Elektrotechnik“ (GET) Erstsemestrige der vier Bachelorstudien Biomedical Engineering, Elektrotechnik, Elektrotechnik-Toningenieur und Information and Computer Engineering betreut. Mit Digital Engineering sind es heuer nun fünf Studienrichtungen und insgesamt rund 450 Studierende. Das Team ist von ursprünglich drei auf aktuell 19 Studienassistent*innen und drei Universitätsassistent*innen angewachsen, wir konnten somit das Betreuungsverhältnis signifikant verbessern.

Das heißt, für Biomedical Engineering-, Digital Engineering-, Elektrotechnik-, Elektrotechnik-Toningenieur- und Information and Computer Engineering-Studierende ist die Übung einer der ersten Eindrücke im Studium?

Hell: Auf jeden Fall. Die Studierenden melden sich zu Kleingruppen mit rund 25 Teilnehmenden an und bilden anschließend Dreierteams. Weil sich im ersten Semester viele Studierende in der Gruppe und in ihrem Team neu kennen lernen und vernetzen, unterstützen wir ganz bewusst die Bildung von Lerngruppen. Damit das gelingt, sorgen wir auch während der Pandemie dafür, dass die ersten paar Einheiten jedenfalls in Präsenz stattfinden.

Wie ist die Übung generell aufgesetzt?

Baumgartner: Wie schon erwähnt besteht das Team zum Großteil aus Studienassistent*innen. Eine Studienassistentin oder ein Studienassistent betreut jeweils eine Kleingruppe, trägt vor, korrigiert Hausübungen, bespricht diese mit den Studierenden und ist sozusagen der oder die Lehrende für diese Gruppe. Somit gibt es wöchentliches Feedback und die Studierenden werden permanent beim Lernen unterstützt. Und dann gibt es noch die Dreierteams, in denen die Studierenden ihre Hausübungen machen, wo sie auch miteinander diskutieren und so auch untereinander Feedback einsammeln.

Was sind die Herausforderungen dieser Grundlagen-Lehrveranstaltung für Sie und die Studierenden?

Baumgartner: Die Masse zu managen ist natürlich eine Herausforderung, aber auch die Heterogenität. Wir haben ein Erstsemester-Fach, da ist die Vorbildung sehr unterschiedlich. Die Studierenden kommen aus verschiedenen Schulen, von verschiedenen Schultypen und aus verschiedenen Ländern. Das ist sicher das Härteste – neben dem Sozialen. Da kommen Leute nach Graz, die hier keinen Menschen kennen. Das haben wir auch berücksichtigt. Deshalb werden die Hausübungen in den erwähnten Dreierteams gemacht und die sollten sich aus Studierenden zusammensetzen, die von unterschiedlichen Schultypen kommen und sich vorher nicht kennen. Das Studium macht niemand allein. Wir wollen damit einen vernünftigen Umstieg auf die Universität ermöglichen.

Die Studierenden kommen aus verschiedenen Schulen, von verschiedenen Schultypen und aus verschiedenen Ländern. Das ist sicher das Härteste – neben dem Sozialen. Da kommen Leute nach Graz, die hier keinen Menschen kennen. (Paul Baumgartner)

Kommen viele Erstsemestrige von der AHS an die TU Graz?

Hell: Wir machen jedes Jahr kleine Umfragen, um ein Gefühl für den Bildungshintergrund zu bekommen. Dabei kam heraus, dass rund 40 Prozent der Studierenden vorher eine AHS besucht haben. Dadurch sind für viele die Lehrinhalte komplett neu und abstrakt. Wir fangen daher mit den Basics an. Die AHS’ler haben den Vorteil, dass sie teilweise mathematisch besser aufgestellt sind und Themen an der Uni dann noch von Grund auf beigebracht bekommen. Daher finden Sie sich oft besser ein. Alle auf einen Stand zu bringen und verständlich zu erklären ist das Ziel. Deshalb arbeiten wir in Kleingruppen mit den Studienassistentinnen und -assistenten als Ansprechpartner.
Baumgartner: Ein Viertel unserer Erstsemestrigen meint, in Physik nicht gut genug zu sein. Rund 18 Prozent glauben, dass sie die Mathematik nicht gut beherrschen. Somit fühlen sich viele schon überfordert, bevor sie überhaupt anfangen. Wir haben einen sehr starken Fokus darauf gelegt, diese Studierenden abzuholen. Wir bieten freiwillige Übungsblätter und zwei YouTube-Playlists an. Und wir versuchen allen Studierenden-Typen zielgerichtet zu begegnen, sie auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen. Es gilt, ihnen den Schreck zu nehmen und sie zu begeistern.

Wie hat die Corona-Pandemie das Setting und die Betreuungssituation verändert?

Hell: Der Webservice feedbackr wurde schon vor der Pandemiezeit für Studierende in den Lehreinheiten angeboten, um den Stoff kurz zu wiederholen, die Möglichkeit für anonyme Fragen zu bieten und ein ständiges Feedback zur Lehrveranstaltung selbst zu ermöglichen. Im letzten Jahr hat sich daraus eine richtige Online-Kultur etabliert, weswegen wir jetzt auch die Online-Plattform Discord – eigentlich eine Gamer-Plattform – im Kurs eingeführt haben. Die hat sicher einen großen Benefit für die Studierenden gebracht. Dadurch, dass keine Klarnamenpflicht herrscht, trauen sich die Studierenden auch mehr mit uns zu kommunizieren. Es gibt Online-Lernsessions, wir sind über Discord immer ansprechbar, geben schnelle Antworten. Zum Teil haben wir die Studierenden fast zu sehr verwöhnt (lacht).

Im letzten Jahr hat sich daraus eine richtige Online-Kultur etabliert, weswegen wir jetzt auch die Online-Plattform Discord – eigentlich eine Gamer-Plattform – im Kurs eingeführt haben. Die hat sicher einen großen Benefit für die Studierenden gebracht. (Daniela Hell)

Was macht die Übung „Grundlagen der Elektrotechnik“ aus Ihrer Sicht so besonders? Bereits 2020 wurde sie ja mit dem TU Graz-internen „Preis für Exzellente Lehre“ ausgezeichnet.

Baumgartner: Wir sammeln auf allen Ebenen jegliches Feedback – davon lebt das Projekt. Das heißt Feedback von Studierenden und an Studierende, aber auch von den Lehrenden untereinander. Während dem Semester, wenn Studierende Anfragen stellen oder sobald ich in Studierenden-Kontakt komme, wird alles sofort notiert. Das ist für die Organisation wichtig. Studierendenorientierung ist das Stichwort. Unsere Studierenden bekommen immer Rückmeldung zu ihrer Leistung, vor allem vor Klausuren. Sie diskutieren in den Kleingruppen mit den Studienassistentinnen bzw. -assistenten, und auch anonym online. Nach dem Semester sitze ich mit jeder Studienassistentin und jedem Studienassistenten zusammen, schreibe deren Eindrücke auf.
Hell: Als Studienassistentin fühlst du dich gehört. Du wirst dazu ermutigt, Vorschläge zu äußern und weißt, dass sie aufgenommen werden.
Baumgartner: Wir picken ab dem ersten Semester die besten Studierenden als Studienassistentinnen und -assistenten heraus. Ich sehe das eigentlich als Begabtenförderung. Ich rede mit ihnen, und merke bald, dass ich ihnen den Job zutrauen kann. Den Jungen Verantwortung zu geben, sie damit aber nicht allein zu lassen und ihnen Vertrauen entgegenzubringen, ist das Wichtigste.

Wie eigenverantwortlich arbeiten die Studienassistentinnen und -assistenten?

Hell: Wir halten zum einen den Unterricht ab. Da muss ich mir überlegen, wie ich den Vortrag gestalte, was ich für Beispiele bringe. Ich verbessere Hausübungen, betreue Discord und beantworte die Fragen Studierender. Dann sind die Übungen generell vorzubereiten. Wir haben insgesamt zwölf Übungen, welche wir uns aufteilen. Da stehen der Inhalt und das Skelett der Übung fest. Die Übung wird jedes Jahr gemeinsam überarbeitet, um innerhalb der verschiedenen Gruppen Konsistenz zu schaffen. Aber wie der Inhalt vermittelt wird, das ist dann die individuelle Entscheidung.
Baumgartner: Es ist glaube ich ganz wichtig, dass jede und jeder deren Sache auf die eigene Art macht. Letztendlich schaut sich aber immer eine zweite Studienassistentin oder ein zweiter Studienassistent das Konzept noch einmal an und gibt Feedback. So greift das große Ganze ineinander, aber jeder gibt den individuellen Touch dazu.

Wo sehen Sie Ihren individuellen Beitrag als Lehrveranstaltungsleiter?

Baumgartner: Am Institut für Grundlagen und Theorie der Elektrotechnik sind die ganzen Grundlagen-Fächer angesiedelt. Somit war Lehre am Institut immer wichtig und hat einen hohen Stellenwert. Neben der Begabtenförderung für die Studienassistentinnen und Studienassistenten habe ich die Institutskultur aufgenommen und ein bisschen Innovation hineingetrieben.

Was motiviert Sie persönlich, sich so stark für die Wissensvermittlung einzusetzen?

Hell: Es ist ein richtiges Zuckerl, im Hörsaal zu stehen, wenn du gern Inhalte vermittelst. Es macht Freude und hat Mehrwert, wenn ich merke, dass es den Studierenden hilft, dass sie ihre Hausübungen schaffen oder gute Klausuren schreiben.
Baumgartner: Ich glaube, mich motiviert das Arbeiten mit Menschen. Es macht Spaß, mit einem Team von 19 Kolleginnen und Kollegen so produktiv und gut zusammenzuarbeiten. Und dann auch zu sehen, dass der Erfolg da ist. Und es ist eine Gaude, im Team rennt der Schmäh.

Es ist ein richtiges Zuckerl, im Hörsaal zu stehen, wenn du gern Inhalte vermittelst. Es macht Freude und hat Mehrwert, wenn ich merke, dass es den Studierenden hilft, dass sie ihre Hausübungen schaffen oder gute Klausuren schreiben. (Daniela Hell)

Über Paul Baumgartner

Der gebürtige Oberösterreicher Paul Baumgartner studierte an der TU Graz Elektrotechnik und Telematik, mit Abschluss 2016. Der Start in der Lehre kam im Sommersemester 2017 mit dem Labor „Grundlagen der Elektrotechnik“ (GET) am Institut für Grundlagen und Theorie der Elektrotechnik, im darauffolgenden Semester übernahm er zusätzlich die GET-Übung und in der Folge die Elektrodynamik-Übung. Der Ars Docendi ist nicht die erste Auszeichnung von Paul Baumgartners Lehre: Für seine Lehrveranstaltung „Grundlagen der Elektrotechnik“ wurde er bereits 2020 mit dem TU-Graz-internen „Preis für Exzellente Lehre“ mit dem Sonderpreis für junge Lehrende ausgezeichnet. Baumgartner fährt gerne Rad, liebt Reisen und lädt seine Batterien im Austausch mit Menschen auf.

Über Daniela Hell

Die gebürtige Bad Gleichenbergerin besuchte die HTL in Bad Radkersburg und kam danach an die TU Graz, um Elektrotechnik zu studieren. Seit ihrem fünften Studiensemester engagiert sie sich als Studienassistentin in der Lehre. Ihre Freizeit verbringt sie am liebsten an der frischen Luft, beim Rad fahren oder wandern.

Information

Nähere Informationen zu den Bachelorstudien Biomedical Engineering, Digital Engineering, Elektrotechnik, Elektrotechnik-Toningenieur und Information and Computer Engineering an der TU Graz finden Sie auf der Webseite „Überblick Bachelorstudien“.

Mehr über den „Ars Docendi 2021 – Staatspreis für exzellente Lehre“ für Paul Baumgartner und sein Team erfahren Sie in der TU Graz news anlässlich der Preisverleihung.

Kontakt

Paul BAUMGARTNER
Dipl.-Ing. BSc BSc
TU Graz | Institut für Grundlagen und Theorie der Elektrotechnik
Inffeldgasse 18
8010 Graz
Tel.: +43 316 873 7759
paul.baumgartnernoSpam@tugraz.at