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Dank Studierender aus dem Iran an die TU Graz

03.11.2016 | Events | Banner Fokus TU Graz |

Von Ute Wiedner

Mit einer „Anerkennungstafel“ bringen iranische Studierende der letzten Jahrzehnte ihre Verbundenheit mit der TU Graz zum Ausdruck – und setzen zugleich ein Zeichen für ein friedliches Miteinander.

Seit 1955 bis heute gibt es eine lebendige iranische „Community“ an der TU Graz. Ab 7. November verewigt eine Gedenktafel den Dank iranischer Studierender für die Studienzeit an ihrer „Alma Mater“.

Viele von ihnen hat es nach ihrer Studienzeit in alle Windrichtungen verstreut und dennoch kommen rund 80 ehemalige iranische Studierende am 7. November an der TU Graz zusammen, um ihrer „Alma Mater“ zu danken. Anlass dafür ist die Enthüllung einer „Anerkennungstafel“ der iranischen Community, die von den 1950er bis in die 70er Jahre eine große Gruppe internationaler Studierender darstellten.

Starkes Miteinander

In Zeiten starker Polarisierungen verweist die Tafel bewusst auf ein positiv gelebtes Miteinander über die Jahrzehnte hinweg. Dass die traditionell guten Verbindungen bis heute aufrecht sind, beweist die Statistik. 1955 kamen die ersten iranischen Studierenden an die damalige „Technische Hochschule“ in Graz. Seit 1965 waren rund 120 iranische Studierende gemeldet, 31 haben allein in den letzten 10 Jahren ihr Studium an der TU Graz abgeschlossen. Die Tafel iranischer Studierender ist neben den Ehrentafeln norwegischer und griechischer Studierender die dritte dauerhafte Dankesbezeugung internationaler Studierendengruppen im Gebäude der Alten Technik in Graz.

Weltweit im Austausch

Die iranische „Community“ ist Teil des starken internationalen Netzwerkes der TU Graz. Vor rund einem halben Jahr eröffnete die TU Graz ein Verbindungsbüro an der Tongji Universität in Shanghai, um die bestehenden Beziehungen weiter zu vertiefen. Und in weniger als einem Monat wird ein Alumni-Chapter an der ETH Zürich offiziell ins Leben gerufen.

Die Veranstaltung ist Teil der Reihe „alumniTalks“ des Absolventinnen- und Absolventenvereins „alumniTUGraz 1887“.

Graz und der Iran: Brücken bis ins 19. Jahrhundert

Auszug aus der Rede des TU Graz-Absolventen Dipl.-Ing. Dr. techn. Hamid Monadjem anlässlich der Dankestafel-Enthüllung

In der Zeit, als ich nach Graz kam – vor etwas mehr als einem halben Jahrhundert – bildeten  die mehr als tausend Studierenden aus dem Iran das größte Kontingent der ausländischen Studierenden in Graz. Bedenkt man, dass laut Wissenschaftsministerium im Studienjahr 2015/16 im gesamten Bundesgebiet rund 2.000 Studierende aus dem Iran registriert waren, war die Zahl der iranischen Studentinnen und Studenten in jenen Jahren in Graz doch beachtlich.

Schon in den 1950er-Jahren kamen die ersten jungen Iranerinnen und Iraner zwecks Studium nach Graz. Dieser Zug dauerte bis in die 1980er-Jahre, stark verlangsamt auch danach bis in die Gegenwart. Heute findet man die meisten iranischen Studierenden in Graz an der Musikuniversität.

Es gab also in der zweiten Hälfte des vorigen Jhs. über einen Zeitraum von etwa drei Dekaden eine große iranische Community an den Grazer Universitäten, die meisten von ihnen an der damaligen Technischen Hochschule. Eine marginale Zahl von ihnen blieb nach dem Studium in Österreich oder ging in sonstige Länder der nördlichen Hemisphäre. Die anderen kehrten in den Iran zurück. Viele von ihnen verließen aber nach der islamischen Revolution das Land und bauten in anderen Regionen der Welt neue Existenzen auf, in den USA, Kanada, Europa und Australien. Einige kamen auch wieder zurück nach Österreich.

Unter diesen ehemaligen Studierenden der TU Graz haben wir heute Universitätsprofessoren, erfolgreiche Ingenieure und Unternehmer, nicht nur im Iran und in Österreich, sondern auch in anderen Ländern Europas sowie in den USA, in Kanada, Australien und anderen Teilen der Welt. Sie alle sind Repräsentanten der TU Graz in der großen weiten Welt und tragen mit Stolz die Herkunft ihrer universitären Ausbildung in ihren Profilen. So wundert es nicht, dass im Laufe der Jahrzehnte viele steirische und andere österreichische Unternehmen, Betriebe, Einrichtungen und Institutionen im Gegenzug von diesen Kontakten profitierten. Brücken und Multiplikatoren, die allerdings zunehmend verschwinden. (...)

Wo diese ehemalige Grazerinnen und Grazer auch sind, sie alle haben einen besonderen Bezug zu Graz. Ist doch der größte Teil ihres schönsten Lebensabschnitts, ihrer Jugendjahre, mit Graz assoziiert! Hier haben sie Freundschaften geschlossen, manche sogar Familien gegründet. In Teheran gibt es seit Jahrzehnten einen Stammtisch von Altgrazern. Dieser Kreis von immerhin noch etwa 30 Personen trifft sich einmal im Monat in einem Teheraner Lokal. Was die Mitglieder dieses Stammtisches verbindet, ist der Mythos von ihrer gemeinsamen Vergangenheit als Studentin oder Student in Graz. Allein die Tatsache, dass heute unter uns auch Ex-Kommilitonen sind, die von weiter weg und zwar nicht nur etwa aus Wien oder Linz, oder sogar aus Nürnberg und Stuttgart, sondern selbst aus Teheran, teilweise mit ihren Familien, angereist sind, um eigens dieser Feierstunde beizuwohnen, unterstreicht die innige Verbundenheit dieser „Alten“ mit ihrer „Alma Mater“ und der Stadt Graz.

Die „ingenieurmäßige“ Verbindung zwischen dem Iran und Österreich im Allgemeinen und der Technischen Universität Graz im Besonderen hat aber schon viel früher begonnen. So wurden etwa die ersten Stadtpläne von Teheran Mitte des 19. Jahrhunderts von einem Österreicher namens Krziz erstellt. Anfang des 20. Jhs. spielten österreichische, speziell Grazer Vermessungs- und Bauingenieure beim Bau der transiranischen Eisenbahntrasse eine wesentliche Rolle. Die im Jahr 1936 fertiggestellte Veresk-Brücke im Alborzgebirge im Norden des Landes, eine als steinerne Bogenbrücke gebaute Eisenbahnbrücke, wurde unter der Leitung eines österreichischen Ingenieurs namens Walter Aigner geplant und ausgeführt. Walter Aigner hatte vermutlich an der Technischen Hochschule Graz studiert. Die insgesamt 273 Meter lange Brücke überquert mit einer Bogenspannweite von 66 Metern eine extrem steile und 110 Meter tiefe Schlucht. Die Veresk-Brücke ist nach 80 Jahren auch heute noch in Verwendung. Walter Aigner sah offensichtlich dieses Bauwerk ‒ eine Meisterleistung der Ingenieurkunst, nicht nur für die damalige Zeit! ‒ als sein Lebenswerk an, denn er soll seinem Wunsch entsprechend im lokalen Friedhof des Ortes Veresk, also unweit „seiner“ Brücke, begraben sein.

Auch die Tunnelbauten der besagten Eisenbahnstrecke tragen die Handschrift eines Grazer Ingenieurs, eines Mannes, der als Pionier des Tunnelbaus später Weltruhm erlangte, Ladislaus von Rabcewicz. Rabcewicz maturierte in Graz und studierte danach an der Technischen Hochschule Graz, später Wien, Bauingenieurwesen. Auch seine berufliche Laufbahn begann in der Steiermark. Ladislaus von Rabcewicz war in den 1920er und 1930er-Jahren der verantwortliche Tunnelbauingenieur der transiranischen Eisenbahntrasse. Nach dem Krieg promovierte er an der Technischen Hochschule Graz zum Doktor der Technischen Wissenschaften. Der später weltweit tätige Rabcewicz wirkte auch bei der Entwicklung der sogenannten Neuen Österreichischen Tunnelbauweise federführend mit; eine heute weltweit praktizierende Methode, die den Tunnelbau nicht nur technisch revolutionierte sondern auch enorm verbilligte.

Mein verehrter Lehrer Professor Veder sagte einmal, Rabcewicz habe ihm selbst erzählt, dass er (Rabcewicz) die Grundidee, die zur Entwicklung der Neuen Österreichischen Tunnelbauweise führte, den Erkenntnissen und Erfahrungen verdanke, die er während seiner Tätigkeit im Iran gewonnen hatte. Es freut mich daher besonders, dass heute unter uns auch ein Enkel Rabcewicz anwesend ist. Er ist beruflich den Fußstapfen seines prominenten Großvaters gefolgt und ist heute Ordinarius am Institut für Felsmechanik und Tunnelbau in diesem Haus; Prof. Wulf Schubert!

Die immaterielle Verbindung zwischen Österreich und dem Iran reicht aber noch weit mehr zurück. Wollte man in diesem Kontext einen Big Bang definieren, dann nahm dieser seinen Ausgang mit Sicherheit auch von Graz. Ein Ereignis, das die Literatur der Sinnessphäre im Abendland, vor allem in der deutschen Sprache nachhaltig prägte. Es war nämlich der in Graz aufgewachsene österreichische Pionier der Orientalistik Josef von Hammer-Purgstall, der in den ersten Jahren des 19. Jahrhunderts eines der bedeutendsten Werke persischer Poesie und Geisteswelt aus dem Persischen ins Deutsche übersetzte, den Diwan des Dichterfürsten und Mystikers Hafez aus dem 14. Jahrhundert. Als der Diwan von Hafez in der Übersetzung von Hammer-Purgstall zum ersten Mal in die deutsche Sprache Eingang fand, gehörte kein geringerer als Johann Wolfgang von Goethe zu seinen ersten Bewunderern und hingebungsvollsten Lesern. Von Hafez Diwan inspiriert, schrieb Goethe seinen berühmten Gedichtzyklus West-östlicher Diwan.

Geschätzte Anwesende, ohne den Grazer Hammer-Purgstall und seine Hafez-Übersetzung wäre der Himmel der Weltliteratur, vor allem der deutschen Lyrik, eines seiner leuchtendsten Sterne beraubt gewesen, ein Werk, das Hugo von Hofmannsthal als „eine Bibel“ bezeichnet und meint, dass Goethe damit seinem Vorbild und geistigen Weggefährten danken und ein Denkmal setzen wollte.  Ein Meisterwerk, das nicht nur andere Dichter wie beispielsweise Friedrich Rückert inspirierte, sondern auch Komponisten wie Franz Schubert, Robert Schumann, Felix Mendelssohn Bartholdy, Richard Strauss oder Arnold Schönberg, nur, um ein paar zu nennen.
In Goethes Stadt Weimar erinnert ein Denkmal, zwei sich gegenüberstehende Stühle aus Granit, die ost-westlich ausgerichtet sind, an die Begegnung Goethes mit dem Diwan von Hafez. Es soll die miteinander verbundenen „Zwillingsbrüder im Geiste“, wie Goethe seine Beziehung zu Hafez formulierte, im Dialog darstellen. Auch in Shiraz, der Geburtsstadt Hafez im Iran, ist ein ähnliches Denkmal angedacht. (...)

Graz und der Iran sind aber nicht nur durch das Vergangene miteinander eng verbunden. Diese Korrelation ist ein Kontinuum. Den bis dato letzten prägenden Abschnitt dieses gegenseitigen Austauschs bildete die starke Präsenz von Iranerinnen und Iranern in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die in Graz studierten, vor allem an der TU Graz, der damaligen Technischen Hochschule.

Information

Feierliche Enthüllung einer „Verbundenheitstafel“ ehemaliger iranischer Studierender

Zeit: Montag, 7. November 2016, 11 Uhr
Ort: TU Graz, HS II, Rechbauerstraße 12, Tiefparterre, 8010 Graz
Anmeldung: erbeten unter teilnahmenoSpam@tugraz.at
Hier geht es zum Detailprogramm.

Kontakt

Patricia Götz
alumniTUGraz 1887
Tel.: +43 316 873 5292
teilnahmenoSpam@TUGraz.at