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… digitale Bildung in Ghana

10.11.2017 | Talking about ... | Banner Fokus TU Graz

Von Margarete Grimus

Mit über 70 Jahren dissertierte die Lehrerbildnerin Margarete Grimus an der TU Graz zum Thema Integration mobilen Lernens in Sub-Sahara-Afrika – und bringt viel Neues in den Unterricht vor Ort.

Margarete Grimus, inmitten afrikanischer Workshop-Teilnehmerinnen und –Teilnehmer und Gutachter, alle in vier Reihen zum Foto aufgestellt.
Die Teilnehmenden, externe Gutachter und Margarete Grimus beim 2. Workshop im Jahr 2013 an der Keta Senior High Technical School in Ghana.

Herausforderung im Ruhestand

Ruhestand nach 43 Jahren in der österreichischen Lehreraus- und Weiterbildung? Das kann doch nicht alles gewesen sein! In meinem Leben kamen immer wieder spontan spannende Aufgaben auf mich zu: Mit 40, Ende der 80er Jahre, begann ich nebenberuflich das Informatik-Studium, weil mich interessierte, was ein Computer ist und macht. Meine Studienkollegen – Kolleginnen gab es kaum – waren jünger als mein Sohn. In der Lehrerbildung war in dieser Zeit von Informatik keine Rede. Erst um die Jahrtausendwende konnte ich in der Volksschule einige Informations- und Kommunikationstechnik (ICT)-Projekte mit kreativen Päd.Ak-Studierenden und Lehrerinnen umsetzen.
Als der Netzwerkbetreuer der Pädagogischen Hochschule zu Beginn meiner Pension anfragte, ob ich in einer Schule in Kano, Nigeria, Lehrende für den Einsatz von Computern und Internet im Unterricht vorbereiten wollte, war ich begeistert. Endlich wieder etwas Neues, (m)eine ganz private Initiative! Die Österreichische Computergesellschaft (OCG) berichtete darüber. Eine in Kapstadt lebende Österreicherin erfuhr davon und lud mich ein, in Südafrika einen Kurs mit Bewohnerinnen und Bewohnern einer Township zu machen um deren Berufschancen zu verbessern. Aufgrund der Berichte der OCG und eigener Publikationen regte die österreichische NGO ICT for Development (ICT4D.at) an, diese Aktivitäten auszuweiten. So kam es zu dem Projekt in Ghana, über das ich hier berichten werde.

Doppelter Start

Ziel der Initiative war, die Bildungsmöglichkeiten für Schülerinnen, Schüler und Lehrpersonal in Ghana durch den Einsatz von digitalen Medien zu erweitern. Zwei Monate vor dem Abflug rief Professor Holzinger vom Institute of Interactive Systems and Data Science der TU Graz an. Er meinte, dass ich nun Zeit hätte, endlich das Doktorats-Studium zu realisieren, das sich während meiner Zeit als Professorin an der PH nie ausgegangen war. Und so kam es an einem Tag im Juni 2012 zur Inskription meines Doktorats-Studiums und der Flugbuchung nach Ghana.

Ziel der Initiative war, die Bildungsmöglichkeiten für Schülerinnen, Schüler und Lehrpersonal in Ghana durch den Einsatz von digitalen Medien zu erweitern.

Situation in Ghana

Ghana ist seit der Unabhängigkeit 1957 ein sicheres Land, hat rund 28 Millionen Einwohner und liegt im Global Human Capital Index 2017 an der zweiten Stelle aller afrikanischen Staaten. Fast 40 Prozent der Bevölkerung sind jünger als 14 Jahre. Christliche Religionen überwiegen und die Beziehungen zwischen den Religionen sind sehr gut. Die offizielle Amtssprache Englisch ist ein Vorteil für Bildungsprojekte – obwohl bei etwa 40 lokalen Sprachen nur um die 70 Prozent der Ghanaer und Ghanaerinnen Englisch verstehen. Während es kaum Festnetzanschlüsse gibt, haben sich mobile Netze in den letzten Jahren rasant verbreitet. Zusammen mit den immer günstiger werdenden Smartphones bietet diese Ausgangssituation hervorragende Möglichkeiten, das breite Angebot im World Wide Web zu nutzen. Ein Education-Strategy-Plan für den Zeitraum von 2003 bis 2015 inkludiert ICT in das Curriculum der Sekundarstufe, zeigt aber in der Umsetzung große Mängel.

Workshop-Teilnehmende unterschiedlicher Altersstufen im gut ausgestatteten Computerlabor an der KETASCO.

Workshop-Szenario 2013 an der Keta Senior High Technical School an der Südküste von Ghana.

Umsetzen einer Vision

Das Konzept für das Projekt „Enhancing Learning with use of digital devices“ in Ghana entwickelte ich in einer einjährigen Vorbereitungsphase mit dem Lehrer Gameli Adhazo und österreichischen Freunden von ICT4D.at. Es wurde an der Keta Senior High Technical School (KETASCO) in Keta.an der Südküste Ghanas über einen Zeitraum von drei Jahren (ohne externe Mittel) umgesetzt.
Viele der rund 3.000 Schülerinnen und Schüler der KETASCO wohnen im Internat mit riesigen Schlafsälen, Waschgelegenheiten und Toiletten sind in einem extra Gebäude untergebracht. Ich wohnte am Campus bei einer Lehrerfamilie, die mich herzlich aufnahm. Für den Bereich ICT steht ein einziges Computer-Labor mit 15 Computern zur Verfügung, das wir für unser Projekt nach Möglichkeit nutzten.
Im Rahmen von drei Workshops im Zeitraum von 2012 bis 2014 arbeitete ich zunächst mit Lehrenden und bald schon mit gemischten Lehrenden- und Schülerteams. Im Projekt unterstützt wurde ich von TU Graz-Dozent Martin Ebner und seinen Mitarbeitenden, die viele hilfreiche Anregungen einbrachten – wie zum Beispiel die ABC-Plattform der TU Graz, mit der Lehrstoff in verschiedenen digitalen Formaten im Netz angeboten werden kann. Wegen der schlechten Internet-Anbindung der Schule wurde diese online-Plattform im dritten Workshop durch die lokal installierte Software Calibre“ ersetzt.

Im Projekt unterstützt wurde ich von TU Graz-Dozent Martin Ebner und seinen Mitarbeitenden, die viele hilfreiche Anregungen einbrachten wie  der Lehrstoff in verschiedenen digitalen Formaten im Netz angeboten werden kann.

Zu Projektende hatte sich für alle viel verändert: Lehrerinnen und Lehrer hatten erprobt, wie der Unterricht mittels digitaler Lernmaterialien interessanter gestaltet werden kann. Schülerinnen und Schüler hatten Erfahrungen gesammelt, die sie auf dem Weg zu selbstverantwortlichem Lernen begleiten werden. Diese Erfahrungen werden ihnen die Nutzung von online Bildungs-Angeboten wie MOOCs und anderen Open Educational Resources eröffnen, da der reguläre Zugang zu tertiärer Bildung für viele kaum möglich ist. Eine Mobile Learning Society (MLS), die die Mädchen am Ende des dritten Workshops gründeten, um die neuen Erfahrungen mit Schülerinnen, Schülern und mit Lehrenden anderer Schulen zu teilen, zu verbreiten und zu vertiefen, sichert den Projekterfolg für die Zukunft.

 

Eine Gruppe von Schülerinnen und Schülern macht Luftsprünge – im Freien mit einem eisernen Zufahrtstor in dem Logo der KETASCO im Hintergrund.

Schülerinnen und Schüler der KETASCO sind stolz darauf, was sie Mitschülern und Freunden weitergeben können.

Erfolgskriterien des Projektes

In Laufe der Arbeit an der KETASCO haben alle Teilnehmenden erfahren, was für den Erfolg von Lehr- und Lernprojekten unter ähnlichen Bedingungen essentiell ist:

  • Hohe Motivation: Die Lehrenden nahmen freiwillig am Projekt teil, Schülerinnen und Schüler haben wir ab dem zweiten Workshop integriert, weil sie großes Interesse an den Aktivitäten zeigten.
  • Verwendung der an der Schule verfügbaren Ressourcen: Oft verlaufen Schulungen ins Leere, wenn für Workshops Geräte zur Verfügung gestellt werden, die in der Praxis nicht mehr vorhanden sind.
  • Hohes Maß an Flexibilität im Unterricht: Während der häufigen Stromausfälle können Mobiltelefone, die eine längere Batterielaufzeit haben als PC, genutzt werden – zum Beispiel um audio- und audiovisuelle Beiträge zu erstellen oder sich mit Lernmodulen auseinanderzusetzen. Die meisten Schülerinnen und Schüler besitzen eigene Geräte, mit denen sie sich bestens auskennen, während meist nur ein einziges PC-Labor für Hundertschaften zur Verfügung steht. Für die Entwicklung digitaler Lerneinheiten hingegen eignen sich die Geräte im Labor mit entsprechender Tastatur und Software.
  • Lerneinheiten für mobile Endgeräte: Beim Erstellen der Lerneinheiten müssen jedenfalls die Ladekapazität von mobilen Geräten für Bilder und Videos sowie die eingeschränkte Darstellung auf kleinen Screens berücksichtigt werden.

Drei Workshops 2012 bis 2014

Am ersten dreiwöchigen Workshop zum Einsatz von Computern für den Unterricht im September 2012 nahmen 15 Lehrerinnen und Lehrer mit sehr unterschiedlichem Vorwissen in ihrer Ferienzeit freiwillig teil. Die Motivation der Teilnehmenden machte Unannehmlichkeiten wie permanente Stromausfälle und schlecht gewartete und virenverseuchte Geräte mehr als wett. Einige nutzten eigene Laptops, die sie durch eine Aktion des Unterrichtsministeriums kostenlos erhalten hatten. Obwohl ungewohnt, nahmen die Teilnehmenden die offene Form des gemeinsamen Lernens gerne an.
Im Laufe des zweiten Workshops im September 2013 stellte sich heraus, dass die Schülerinnen und Schüler am Campus äußerst interessiert am Geschehen im Computer-Labor waren. Sie nutzten ihre Mobiltelefone – trotz Verbotes am Campus – um Diskussionen aufzuzeichnen oder im Internet zu recherchieren. Nach anfänglichem Zögern waren die Lehrenden einverstanden, so viele Oberstufenschülerinnen und -schüler wie möglich in den Workshop zu integrieren. Gemeinsam entwickelten beide Interessensgruppen Lernmodule zu unterschiedlichen Fachbereichen, die zuletzt in pdf und e-pub Format konvertiert in der Cloud und auf Rechnern im Computerlab gespeichert und mit Mobiltelefonen und eReadern getestet wurden. Nach Feedbackschleifen durch andere Teams bewerteten externe Lehrpersonen die Module. Zusätzlich erarbeiteten gemischte Teams Richtlinien für die Verwendung von mobilen Geräten wie Mobiltelefonen, eReadern oder Laptops.

Die Motivation der Teilnehmenden machte Unannehmlichkeiten wie permanente Stromausfälle und schlecht gewartete und virenverseuchte Geräte mehr als wett.

Im dritten Workshop im Juni 2014 standen neue Lern- und Arbeitsformen im Bereich Science, Technology, Engineering, Mathematics (STEM) im Mittelpunkt. Lehrer- und Schülerteams führten Interviews mit Mitschülerinnen, Mitschülern und Lehrenden am Campus, zeichneten sie mit Mobiltelefonen auf und transkribierten sie. Die Stromausfälle nutzen sie, um in der Umgebung ergänzendes Material zu Lernsequenzen zu sammeln, zu denen später im Internet recherchiert wurde. Lehrendenteams erstellten Strukturen für kurze Lernsequenzen bestehend aus Lernziel, Arbeitsschritten und Aufgabenstellungen. Im dritten Workshop entwickelte sich auch der Blog Ketascomobile, der die Erfahrungen der Projektteilnehmenden im Internet verbreitete.

 

Eine große Gruppe von Workshopteilnehmenden ist im Schulhof der KETASCO zur Zertifikatübergabe aufgestellt.

In Erwartung der Zertifikatübergabe, 2012 im Schulhof der KETASCO.

Follow-Up zum Projekt

Nach dem offiziellen Projektende 2014 kooperieren die Schülerinnen und Schüler der KETASCO weiterhin mit den Lehrenden. Fotos und Videos zeigen allerdings, dass die Jugend vorwiegend in Eigenregie aktiv ist. Hier nur einige Beispiele:

  • Schülerinnen und Schüler dokumentierten mit einer Drohne die Salzgewinnung in der nahegelegenen Lagune,
  • sie bauten Solar-Panele,
  • programmieren Roboter,
  • eroberten in einem Wettbewerb des eLearn-Africa Kongresses 2015 den zweiten Platz und dokumentieren dies im Internet.
  • KETASCO-Schülerteams organisieren Workshops in anderen Schulen.
  • Einige Schülerinnen und Schüler entwickeln mobile Apps, eine Schülerin kam damit sogar ins Ghanaische TV.
  • Noah, Teilnehmer der Workshops 2013 und 2014, studiert jetzt im dritten Jahr IT an der Universität in Kumasi und ist Hauptinitiator vieler Aktivitäten wie etwa ICT-Workshops mit Schülerinnen, Schülern und Lehrenden. Im Herbst 2017 organisierten sie zusammen mit den Django Girls Programmier Workshops in Ho und in Koforidua. Leider hat die US Botschaft ihm im September 2017 das Einreisevisum in die USA verweigert, sodass er nicht an einem Workshop in Kalifornien teilnehmen konnte, zu dem Google ihn aufgrund seiner hervorragenden Leistungen eingeladen hatte.

Nach dem offiziellen Projektende kooperieren die Schülerinnen und Schüler der KETASCO weiterhin mit den Lehrenden. Fotos und Videos zeigen allerdings, dass die Jugend vorwiegend in Eigenregie aktiv ist.

Veränderungen in der Unterrichtsgestaltung

Obwohl in Ghana, wie in den meisten afrikanischen Ländern, andere Traditionen, Kulturen, und Hierarchien vorherrschen, hat sich gezeigt, dass in gemeinsamer Arbeit neue didaktische Wege und Lernszenarien erprobt werden können. Diese Methoden sind im 21. Jahrhundert unverzichtbar, nicht nur an Universitäten und tertiären Bildungseinrichtungen, denn gerade in Afrika ist vielen Menschen der Zugang zu solchen Einrichtungen versperrt. Umso wichtiger ist es, junge Menschen frühzeitig an selbständiges und selbstverantwortliches Lernen heranzuführen.
Prägend ist für mich die Erfahrung, wie einfach Veränderungen für das Lernen von Lehrenden sowie Schülerinnen und Schülern zu initiieren sind – ohne zusätzliche Mittel und jenseits der oft behäbigen Bildungseinrichtungen. Ein großer Gegensatz zum dem, was ich im heimischen Schulwesen erreichen konnte, dafür aber umso bereichernder.

Information

Margarete Grimus war in der Lehreraus- und Weiterbildung (u.a.) im Fachbereich Informatik an der Pädagogischen Hochschule des Bundes tätig. 1994 schloss sie ihr berufsbegleitendes Studium der Datentechnik und Informatik an der TU Wien ab. Von 2000 bis 2009 lehrte sie neben ihrer Tätigkeit an der PH im Ausbildungsgang zum Master of Education der University of Derby, GB. Sie war europaweit an der Erstellung von Lehrplänen beteiligt und hielt Vorlesungen an europäischen Universitäten. Nach 2010 erforschte sie Strategien und Methoden für mobiles Lernen, um Bildungsstandards in Entwicklungsländern zu heben. Sie dissertierte ab 2012 im Bereich Informatik bei Martin Ebner an der TU Graz und promovierte im Oktober 2017.

Kontakt

Margarete GRIMUS
Dipl.-Ing. Dr.techn.
margarete.grimus@aon.at
http://www.grimus.or.at/