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„Will ich cool sein, dann erwähne ich Düsentrieb“

Dieter Schmalstieg ist erfolgreichster Erfinder der TU Graz. Im Interview verrät er, wie er sich die Welt in 100 Jahren vorstellt und wie Erfindungen dazu beitragen können.

Ein Mann in einem schwarzen T-Shirt steht vor einer Landschaft aus sanften Hügeln.
Dieter Schmalstieg ist derzeit auf Forschungsaufenthalt in Kalifornien, wo auch dieses Foto aufgenommen worden ist.

Sieben Patente in den vergangenen fünf Jahren machten Dieter Schmalstieg, Leiter des Instituts für Maschinelles Sehen und Darstellen, zum derzeit erfolgreichsten Erfinder der TU Graz. Mitte November wurde er für seine Arbeit mit der Nikola Tesla-Medaille geehrt. 

News+Stories: Sie wurden kürzlich als erfolgreichster Erfinder der TU Graz geehrt. Was bedeutet diese Auszeichnung für Sie?

Dieter Schmalstieg: Ich freue mich sehr über diese Ehrung, sehe sie aber in erster Linie als Erfolg der sehr gelungenen Zusammenarbeit mit der Industrie – in diesem Fall mit dem Partnerunternehmen des CD-Labors Qualcomm, einem der größten Halbleiterhersteller weltweit – und erst in zweiter Linie als Auszeichnung meiner Forschung. Denn für mich sind Patente und Forschung nicht dasselbe. 

Was sind dann „Erfindungen“ in Ihren Augen?

Dieter Schmalstieg: Für die Nikola Tesla-Medaille als erfolgreichster Erfinder war die Anzahl der mir erteilten Patente ausschlaggebend. Die rechtliche Grundlage solcher Patente ist aber nicht unproblematisch und führt in meinen Augen leicht zu Masse statt Klasse. 

Erfindungen sind für mich neue Ideen für technische Lösungen, die ein hohes Potential für sinnvolle Nutzung haben.

Erfindungen sind für mich neue Ideen für technische Lösungen, die ein hohes Potential für sinnvolle Nutzung haben. Für mich zählt dabei in erster Linie das „neu“ – Patente sind aber oft gar nicht so wirklich neu – und „sinnvoll“. Und wenn etwas sinnvoll ist, dann heißt das noch lange nicht, dass eine Idee es auch bis in den Alltag der Menschen schafft. Es muss ja immer noch jemand ein gewisses unternehmerisches Risiko auf sich nehmen, um aus der Idee ein verwertbares Produkt zu machen. 

Wie sehr entspricht die klassisch-romantische Vorstellung eines Erfinders á la Daniel Düsentrieb dem tatsächlichen Arbeitsalltag?

Dieter Schmalstieg: Daniel Düsentrieb erwähne ich sehr gerne, um bei meinen Kindern „cool“ zu erscheinen, anstatt ein langweiliger „Professor“ zu sein. Tatsächlich ist mein Beruf am allerspannendsten, wenn ich die Zeit finde, einfach frei und ungezwungen drauf los zu denken oder auch mit anderen Forschenden zu diskutieren. 

Daniel Düsentrieb erwähne ich sehr gerne, um bei meinen Kindern „cool“ zu erscheinen, anstatt ein langweiliger „Professor“ zu sein.

Aus diesem Grund schätze ich auch die akademische Grundlagenforschung sehr, wo man ohne wirtschaftlichen Druck forschen kann. Aber Erfinden ist ein langwieriger Prozess – Daniel Düsentrieb ist immer schon im nächsten Comicbild fertig! Das stimmt natürlich in der Realität ganz und gar nicht. 

Momentan arbeiten Sie aber eher anwendungsorientiert.

Dieter Schmalstieg: Ganz genau. Ich antworte Ihnen momentan aus San Diego in Kalifornien, wo ich einen Forschungsaufenthalt bei unserem Partnerunternehmen Qualcomm absolviere. Wir arbeiten an einer kabellosen Virtual-Reality-Brille. 

Ich sehe in Augmented Reality eine Möglichkeit, das ständige Starren auf einen Handybildschirm zu ersetzen und trotzdem alle Chancen, die uns die Technik bietet, nutzen zu können.

Augmented Reality ist derzeit mein zentrales Forschungsgebiet. AR ist die Symbiose aus Computer-Grafik, Computer-Vision und Human-Computer-Interaction. Dabei überlagert computergenerierte Information das Sichtfeld des Benutzers und erweitert so die Realität um Informationen. Diese Informationen sind nicht nur auf den Ort oder die jeweilige Situation bezogen, sondern passgenau und so realistisch dargestellt, dass man im Idealfall nicht mehr zwischen real und virtuell unterscheiden wird können. Ich sehe darin eine Möglichkeit, das ständige Starren auf einen Handybildschirm zu ersetzen und trotzdem alle Chancen, die uns die Technik bietet, nutzen zu können. Einsatzgebiete werden Navigation, Reparatur und Wartung, Lernen und Training, Inspektion und Diagnose in der Industrie sowie die Medizin sein. 

Wenn wir schon beim Thema Zukunft sind: Wie können Erfindungen die Welt verändern?

Dieter Schmalstieg: Aktuell bin ich das beste Beispiel: Ich arbeite in Kalifornien, bin aber per Videokonferenz auch in Graz zu sehen. Allerdings bin ich kein guter Futurologe und habe 1993 nicht einmal an den Erfolg des Webbrowsers geglaubt! Also bitte seien Sie vorsichtig mit meinen Visionen! (lacht). Aber ich denke mir, dass die ständige Verfügbarkeit jeglicher Information und jedes Kommunikationskanals uns im Alltag in Bereichen beeinflussen wird, die wir uns heute noch gar nicht vorstellen können.

Ich bin kein guter Futurologe und habe 1993 nicht einmal an den Erfolg des Webbrowsers geglaubt!

Ich stelle mir vor, dass wir in ein paar Jahrzehnten Autos nicht mehr selbst lenken oder gar keines mehr besitzen werden. Kinder können dann mit autonomen eAutos in die Schule gebracht werden. Benzintankstellen gibt es keine mehr. Lebensmittel werden per Drohne zugestellt. Besonders für den Klimaschutz wären solche technischen Entwicklungen meiner Meinung nach sehr wichtig. Wir alle könnten davon profitieren, wenn nur die Politik stärker auf Expertenwissen achten würde. 

Die große Frage ist für mich, wie wir die durch technische Verbesserungen gewonnene Zeit für etwas Sinnvolles nutzen werden?

Gibt es eine oder mehrere Erfindungen, die in Ihren Augen die Welt in den vergangenen 100 Jahre zentral beeinflusst hat oder haben?

Dieter Schmalstieg: Offensichtliche Beispiele sind das Handy (und in weiterer Folge das Smartphone) und der Computer. Natürlich haben diese Errungenschaften nicht nur positive Folgen gehabt. Die Informationsgesellschaft an sich hat nicht nur einen starken Generationskonflikt erzeugt, sondern es gibt darüber hinaus noch viele gesellschaftliche Entwicklungen – nehmen wir nur die neuen Möglichkeiten der Überwachung als Beispiel – mit denen wir bis jetzt weder politisch noch rechtlich ordentlich umgehen können.

Was würden Sie noch gerne erfinden?

Dieter Schmalstieg: Das Holodeck... Im Ernst! Telepräsenzsysteme, die Geschäftsreisen unnötig machen, fände ich eine wunderbare Sache.

Was war ihr Berufswunsch als Kind?

Dieter Schmalstieg: Lokomotivführer – nicht ganz die Richtung, in der ich heute tätig bin, aber zumindest ein Ingenieursberuf...

Information

Das Wissenstransferzentrum Süd ehrte Mitte November die erfolgreichsten Erfinderinnen und Erfinder alle Grazer Universitäten – davon alleine 86 der TU Graz. Im Rahmen dieser Veranstaltung wurde Dieter Schmalstieg von der TU Graz die Nikola Tesla-Medaille verliehen, da er mit insgesamt sieben Patentanmeldungen in den vergangenen fünf Jahren derzeit der erfolgreichste Erfinder der Universität ist. 

Schmalstieg studierte an der TU Wien, promovierte 1997 und habilitierte sich 2001. Im Jahr 2004 wurde er schließlich als Professor an die TU Graz berufen. wo er 2008 gemeinsam mit Unternehmenspartnern das Christian-Doppler-Labor für Handheld Augmented Reality eröffnet hat. 

Kontakt

Dieter SCHMALSTIEG
Univ.-Prof. Dipl.-Ing. Dr.techn.
Institut für Maschinelles Sehen und Darstellen
Inffeldgasse 16/II
8010 Graz
Tel.: +43 316 873 5070
schmalstiegnoSpam@icg.tu-graz.ac.at