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TU Graz/


by Birgit Baustädter published at 18.02.2026 Forschung

Warum sind wir unterwegs?

Ana Tsui Moreno Chou untersucht, warum und wie Menschen täglich unterwegs sind. Sie ist seit Beginn des Jahres neue Professorin für Straßen- und Verkehrswesen an der TU Graz.
A portrait photograph of Ana Tsui Moreno Chou.
Ana Tsui Moreno Chou is the new Professor of Highway Engineering and Transport Planning at TU Graz. Image source: Privat

TU Graz News: Sie beschäftigen sich schon seit vielen Jahren mit Fragen rund um den Transport. Warum? Und wie ist es dazu gekommen?

Ana Tsui Moreno Chou: Ich habe in Valencia, Spanien, Bauingenieurwesen studiert und mich vor allem für maritimen Bau interessiert – also Brücken, Dämme, Häfen … Vor allem Brücken finde ich unheimlich interessant und wunderschön. Während meines Studiums habe ich einen Studentenjob im Bereich Verkehrswesen angenommen und mich in meiner Masterarbeit mit dem Thema Sicherheit in Verbindung mit dem Design von Transportwegen beschäftigt. Ich habe mir Fragen gestellt wie: Was macht eine sicher gebaute Straße aus? Wie gestalte ich die Straßenführung für unterschiedliche Fahrgeschwindigkeiten? Welche Auswirkungen haben unterschiedliche Designelemente auf die Sicherheit? Wie kommt es zu Stau?

An der letzten Frage sehen Sie, dass für mich auch die Organisation von Verkehr wichtig wurde. Auch hier kann auf Seiten der Konstruktion viel beeinflusst werden. Darauf bin ich in meiner Dissertation eingegangen und habe nach guten Designs gesucht, die Staumuster auf Landstraßen durchbrechen.

Wie ist es nach Ihrer Dissertation weiter gegangen?

Moreno Chou: Ich habe eine Postdoc-Stelle an der TU München angetreten und so einen weiteren spannenden Aspekt in der Verkehrsplanung untersucht: die Motivation für Fahrten. Autos fahren ja nicht von selbst, sondern immer, weil ein Mensch ein bestimmtes Transportbedürfnis hat. Dieses Bedürfnis habe ich mir angesehen und erforscht, warum Menschen welche Fahrten zurücklegen und welche Muster es gibt. Und ich wollte wissen, warum sie für diese Fahrten ein Auto nutzen und nicht etwa ein öffentliches Verkehrsmittel oder aktive Mobilität. Jede Fahrt hat einen Zweck und Einschränkungen, und die Menschen versuchen, sich darauf einzustellen. Auch das wirkt sich natürlich auf die Staubildung aus.

Jede Fahrt hat einen Zweck und Einschränkungen, und die Menschen versuchen, sich darauf einzustellen.
(Ana Tsui Moreno Chou)

Und nun sind sie an die TU Graz gewechselt.

Moreno Chou: Die Stelle in Graz passt so wunderbar, weil hier alle meine Forschungsaspekte angesprochen werden und ich mit meinem Profil sehr gut passe.

Sie übernehmen nicht nur die Professur, sondern auch die Leitung des Instituts für Straßen- und Verkehrswesen. Wie möchten Sie beide Stellen anlegen?

Moreno Chou: Das Institut hat einen ausgezeichneten Ruf in der Forschungsgemeinschaft und leitet viele Projekte. Das war etwas einschüchternd am Anfang muss ich zugeben. Mein Vorgänger Martin Fellendorf ist, wie ich, in der Modellierung tätig, nutzt aber einen anderen Ansatz. Beide Ansätze ergänzen sich also wunderbar. Deshalb möchte ich die Arbeit weiterführen, um meine Kenntnisse zu erweitern und unsere Netzwerke zu integrieren. Zusätzlich möchte ich den Bereich Sicherheit durch Design stärker einbringen.

Wenn Sie Verkehrssysteme modellieren, nutzen Sie dafür reale Daten?

Moreno Chou: Unsere Modelle sind mit realen Daten entwickelt worden und können deshalb auf reale Straßensysteme angewendet werden. Sie funktionieren für München, wo sie entwickelt wurden, aber genauso für zum Beispiel Graz. Wir können mit ihnen sowohl ganze Regionen/Länder betrachten, aber auch ganz nah an einzelne Stadtteile heranzoomen und dort den Verkehrsfluss simulieren.

Wir können mit ihnen sowohl ganze Regionen/Länder betrachten, aber auch ganz nah an einzelne Stadtteile heranzoomen und dort den Verkehrsfluss simulieren.
(Ana Tsui Moreno Chou)

Unsere Modelle simulieren Verkehrsteilnehmende und ihr Verhalten. Die Daten stammen aus Verkehrsstatistiken, aber auch anonymisierten und datenschutzkonformen Mobiltelefondaten – wir kennen sie aus den Bewegungsprofilen seit der Covid19-Pandemie. Und um noch detailliertere Simulationen erstellen zu können, kombinieren wir diese Daten mit klassischen Haushaltsbefragungen, wo unterschiedliche Informationen abgefragt werden – etwa, wie viele Menschen im Haushalt leben, wie deren Beschäftigungssituation ist, welche Wege sie täglich zurücklegen und welchen Aktivitäten sie nachgehen.

Diese Daten sind nicht nur für die Verkehrsplanung interessant, sondern auch für die Energie- und Gesundheitsversorgung.
(Ana Tsui Moreno Chou)

Mit unseren Modellen können wir Auswirkungen bestimmter Änderungen vorhersagen – etwa, wenn sich der Takt einer Straßenbahn verändert, es eine Baustelle gibt oder neue Fahrradwege festgelegt werden. Diese Daten sind nicht nur für die Verkehrsplanung interessant, sondern auch für die Energie- und Gesundheitsversorgung. Wir möchten unsere agentenbasierten Modelle deshalb auch Open Source allen Forschenden zur Verfügung stellen.

Ist Ihre Forschung grundlagenbasiert oder geht es um konkrete Fragestellungen aus den tatsächlichen Verkehrssystemen?

Moreno Chou: Beides. Wir betreiben Grundlagenforschung, weil wir unsere Verkehrsmodelle zu einer neuen Generation von pionierhaften, bedarfsorientierten Modellen weiterentwickeln wollen. Der Kontakt des Instituts zu Entscheidungsträger*innen an unterschiedlichen Stellen ist sehr gut und es besteht Interesse an unseren Ergebnissen. Und für uns ist es natürlich spannend, wenn wir an Fragen arbeiten, die die Öffentlichkeit sich gerade wirklich stellt.

Warum interessieren Sie sich für diese Themen?

Moreno Chou: Ich bin zwischen verschiedenen Kulturen aufgewachsen. In Spanien und Europa allgemein haben wir eine Infrastruktur, in der man ohne Auto sehr gut zurechtkommt – vor allem in den Städten. Valencia zum Beispiel ist sehr flach und alle wichtigen Punkte sind gut zu Fuß zu erreichen. In der Heimat meiner Mutter – Taiwan – gibt es öffentliche Massenverkehrsmittel in Taipei, aber die Menschen benutzen auch das Auto und Motorrad sehr gerne. In den USA/Kanada wiederum, wo ich ebenfalls Familie habe und studiert habe, gibt es Gegenden, in denen kein Transport ohne Individualverkehr mit dem Auto möglich ist – die achtspurigen und völlig ineffizienten Autobahnen in Los Angeles als Kind zu sehen war sehr interessant.

Worauf werden Sie in den kommenden Jahren besonders viel Fokus legen?

Moreno Chou: Mir ist vor allem der Forschungsnachwuchs wichtig. Ich stecke sehr viel Arbeit in die Lehre. Und hier geht es mir insbesondere um junge Frauen – wir brauchen viel mehr Forscherinnen im Transportwesen. Ich hatte immer wunderbare weibliche Role Models und das möchte ich nun zurückgeben.