Architektin Eva Mair: „Einfache Dinge interessieren mich nicht“
Herzlich Willkommen zurück an der TU Graz! Sie haben hier studiert und sind nun nach Stationen in Bozen und Wien wieder zurückgekehrt, um das Institut für Gebäudelehre zu leiten. Wo liegen ihre Forschungsschwerpunkte?
Eva Mair: Am Fachbereich Gebäudelehre versuchen wir, grundlegende Ordnungsmuster und Gestalttypen in Gebäuden zu erkennen und die daraus gewonnenen Erkenntnisse für die Entwurfspraxis anwendbar zu machen. Mein Fokus in Praxis, Lehre und Forschung liegt im Um- und Weiterbauen. Wenn wir davon ausgehen, dass wir in Zukunft Gebäude, die ihrer Primärnutzung entwachsen sind, nicht mehr leichtfertig abreißen und ersetzen, sondern weiternutzen und transformieren wollen, dann kommt der Fähigkeit, in einer Gebäudegestalt abstrahierbare architektonische Qualitäten zu erkennen, besondere Bedeutung zu. Ich möchte mit den Studierenden ein assoziatives Denken in Bezug auf typologische Verwandtschaften üben und fortschreiben. Diese Assoziationen sollen nicht in Form starrer, eindimensionaler Kategorien vermittelt und untersucht werden, sondern als Bezugslinien innerhalb dynamischer Ordnungen.
Wie wollen Sie Ihre Professur an der TU Graz anlegen?
Mair: Ich sehe Architekturpraxis, Forschung und Lehre an unserem Institut eng verknüpft. Konkrete Fragestellungen aus der Praxis sollen im Rahmen von Entwurfslehrveranstaltungen und Forschungsprojekten in ihrer Komplexität bearbeitet und aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet werden. Dabei möchte ich die unvoreingenommene Sichtweise der Studierenden auf Gesellschaft, Umwelt und Architektur in einen ernsthaften Austausch mit dem spezifischen Wissen von Expert*innen aus verschiedenen Disziplinen bringen, um gemeinsam an aktuellen Fragen unserer Disziplin zu arbeiten.
Prinzipiell ist es nichts Neues, Gebäude als nutzungsoffene Strukturen zu denken und zu entwerfen.
(Eva Mair)
Gebäude werden im Normalfall ja für einen speziellen Zweck gebaut und auf diesen architektonisch ausgelegt. Welche Herausforderungen bringt es mit sich, wenn ich ein solches spezifiziertes Gebäude umnutzen möchte?
Mair: Prinzipiell ist es nichts Neues, Gebäude als nutzungsoffene Strukturen zu denken und zu entwerfen. Gebäude, die eine gewisse Großzügigkeit aufweisen und nicht auf Minimalstandards ausgerichtet wurden, haben da einen Vorteil. Die nutzungsspezifische Planung hat sich im letzten Jahrhundert auf Basis von funktionsspezifischen Bauregelwerken und Mindeststandards immer mehr verfestigt. Neben den Bedingungen, welche die Morphologie eines Gebäudes erzeugt – wie Raumdimensionen, Raumbeziehungen und Erschließungslogik – müssen wir uns bei einer Umnutzung und Transformation auch den Herausforderungen stellen, die sich aus der Rückbaubarkeit und Austauschbarkeit von Elementen ergeben. Gerade Gebäude, bei denen beispielsweise die gesamte Technik in tragende Bauteile eingegossen wurde, sind da besonders schwierig zu bearbeiten.
Auf welche Schwierigkeiten stoßen Sie da in der Praxis?
Mair: Die geltenden Bauordnungen und Normen sind auf Neubau ausgerichtet und erzeugen beim Bauen im Bestand viele seltsame Widersprüche. Auch bei der Zertifizierung von wieder zu verwendenden Bauteilen stoßen wir an unsere Grenzen. Wer übernimmt dafür die Garantie?
Welche Rolle hat die Universität dabei?
Mair: An der Universität haben wir den Freiraum Fragen zu stellen ohne dabei immer sofort Antworten zu liefern, die alle Anforderungen an das Bauen berücksichtigen. Wir können großzügig sein und über Normen hinausdenken. Es ist unsere Aufgabe kritisch zu sein. Die Rolle der Universität hat sich in den letzten Jahren verändert. Früher gab es vorwiegend das Verständnis, dass Praktiker*innen das Wissen aus den Büros in die Hörsäle tragen. Heute fließt sehr viel Wissen aus den Universitäten zurück in die Praxis. Wir können hier Dingen auf den Grund gehen, für die in der Praxis keine Ressourcen da sind.
An der Universität haben wir den Freiraum Fragen zu stellen ohne dabei immer sofort Antworten zu liefern, die alle Anforderungen an das Bauen berücksichtigen.
(Eva Mair)
Gibt es Projekte, wo die Umnutzung Ihrer Meinung nach besonders gut gelungen ist?
Mair: Ich war vor Kurzen bei einem Vortrag von Astrid Staufer und Peter Bauer. Sie haben über einen gemeinsam erarbeiteten Wettbewerbsbeitrag gesprochen, der mich auf mehreren Ebenen beeindruckt hat. Das Projekt zeigt, was in Basel gerade schon möglich ist – nicht zuletzt aufgrund eines ganz anderen Bewusstseins für den Umgang mit Ressourcen und für zirkuläres Bauen. Die Auslobungsunterlagen bestanden nicht nur aus guten Bestandsplänen mit belastbaren Daten, sondern auch aus einem umfangreichen Katalog gebrauchter, und für das Vorhaben verfügbarer Bauteile. Das Projekt „Dschungeli“ zeigt die Transformation einer Messehalle in einen Gebäudekomplex für kostengünstiges Wohnens. Nicht nur Bauteile von der Bestandshalle selbst, sondern viele weitere Elemente, die die Stadt Basel gesammelt und katalogisiert hat, kommen im Entwurf in einer aufregenden, präzise komponierten Architektur zusammen. Keine wilde oder inszenierte Bricolage, sondern eine klar ausformulierte, komplexe Architektur.
Wäre so etwas in Österreich auch möglich?
Mair: In Österreich arbeiten wir nicht mit denselben Grundlagen. Es braucht hier noch ein grundsätzliches Umdenken. Wieder- und Weiterverwendung von Gebäuden oder Bauteilen hat hier noch nicht denselben Stellenwert und solange die vorher genannten Grundlagen fehlen, können auch keine zielsicheren Entwürfe ausgearbeitet werden. Wir bleiben in der Spekulation. Zusätzlich müssen wir auch unsere Sehgewohnheiten, unser Verständnis von Schönheit und Perfektion hinterfragen. Wir haben den Anspruch, Dinge in einer vertrauten Form fertig zu denken und das schränkt die Offenheit für Transformation ein.
Müssten wir Gebäude also temporär denken?
Mair: Das ist missverständlich. Das Leben – nicht nur das des Menschen, sondern alles Leben – verändert sich ständig. Architektur ist aber träge. Und eine nachhaltige Architektur ist eine Architektur die lange besteht. Das tut sie, wenn sie sich nicht in den Vordergrund drängt, sondern als Hintergrund verstanden wird – in dem Sinne, dass sie verschiedene Nutzungen und Mehrfachbedeutungen zulässt. Damit Architektur lange lebt, muss sie gesellschaftlich akzeptiert, als schön verstanden werden und physisch sowie emotional zugänglich sein. Nicht alle Materialien und Elemente sind auf eine gleiche Lebensdauer ausgelegt. Insbesondere Ausbauelemente und Gebäudetechnik sollten so verbaut werden, dass sie einfach wieder getauscht oder rückgebaut werden können.
Das Leben – nicht nur das des Menschen, sondern alles Leben – verändert sich ständig. Architektur ist aber träge.
(Eva Mair)
Zurück zu den Normen. Es hat ja einen guten Grund, warum die so streng sind, oder?
Mair: Ja natürlich. Bauordnungen sind sinnvoll und schützen uns Menschen. Im Hinblick auf das Um- und Weiternutzen von Gebäuden erzeugen sie allerdings viele Widersprüche. Es wäre sinnvoll, Qualitäten und gewünschte Standards nicht ausschließlich durch das Abhaken einzelner Kriterien zu sichern, sondern Architektur stärker in ihrer Gesamtheit zu beurteilen. Gerade bei der Definition eines angemessenen Komforts ist eine differenziertere Betrachtung notwendig. Für wen gelten die festgeschriebenen Standards – und in welchem Kontext? Und was bedeutet das konkret für das Bauen im Bestand? Unter Umständen könnten bestimmte Anforderungen zurückgestellt werden, wenn im Gegenzug andere Qualitäten erhalten oder neu geschaffen werden. Es könnte beispielsweise auf die geforderte Anzahl an Autoabstellplätzen verzichtet werden, dafür aber der bestehende Garten erhalten bleiben. Oder es wird lediglich ein sehr kleiner Wohnbereich nach vereinbarten Standards temperiert, während zusätzliche Räume in ihrer bauphysikalisch nicht normgerechten Form erhalten bleiben und – je nach Jahreszeit oder mit entsprechender Kleidung – genutzt werden können. Diese Ansätze sind keineswegs neu.
Wollen Sie alle Gebäude erhalten?
Mair: Nein, ich vertrete keine dogmatische oder eindimensionale Haltung. Ein sinnvoller Umgang mit Bestand beginnt mit einer sorgfältigen Untersuchung der baulichen Elemente und räumlichen Qualitäten. Wenn der Wunsch nach einem spezifischen Raumprogramm den Ausgangspunkt der Auseinandersetzung bildet, lässt sich ein Ersatzneubau, der diese Nutzung ökonomischer und im Einklang mit den geltenden Normen erfüllt, leicht begründen – und erscheint entsprechend überzeugend. Der umgekehrte Weg wäre jedoch sinnvoller: Wir sollten aus den gestalträumlichen Qualitäten heraus Nutzungsszenarien entwickeln.
Ich möchte keine moralische Architektur propagieren, die rein aus dem Gedanken der CO2-Vermeidung kommt. Dieser Aspekt ist wichtig, sollte jedoch nicht allein bestimmen, wie Architektur aussieht. Mich interessiert Architektur in ihrer Gesamtheit – eine Architektur, die als Beitrag zur Baukultur verstanden werden kann.
Aber ist es nicht einfacher, einfach abzureißen und neuzubauen?
Mair: Natürlich ist das meistens einfacher. Aber das Einfache ist nicht das, was mich primär interessiert. Umbauen ist komplizierter als neu Bauen und teurer. Eine sorgfältige Bestandsaufnahme kostet und die Planung, welche auf den jeweils spezifischen Ist-Zustand reagieren muss, kostet auch. Es erfordert ein kontextbezogenes Denken, das immer wieder Fragen aufwirft. Und das interessiert mich. Nicht nur, weil wir unsere Ressourcen anders nutzen müssen, sondern auch, weil es für uns Architekt*innen eine gewisse Befreiung aus dem Korsett reiner Dienstleistung bedeutet. Mein Ziel ist es, den Blick für die Qualitäten von Bestandsbauten zu schärfen und mich auf Entdeckungen einzulassen, die im regulierten Neubau kaum möglich wären.
Wie sind Sie in diesen Forschungsbereich gekommen?
Mair: Mich interessiert Architektur als eine kulturelle und künstlerische Praxis. Ich habe in Bozen ein Gymnasium mit Kunstschwerpunkt besucht, in dem sowohl handwerkliches Tun – Zeichnen, Malen und plastisches Gestalten – als auch Kunst- und Architekturgeschichte vermittelt wurde. Aus diesem Umfeld heraus habe ich mich für ein Architekturstudium entschieden. In der Architekturpraxis kommt für mich nun alles zusammen. Gleichzeitig begegne ich dem Bauen mit großem Respekt und bemerke immer wieder einen inneren Widerstand gegenüber gewissen Aufgabenstellungen. Oft erscheint es mir sinnvoller, das Nachdenken über Architektur über das Bauen selbst zu stellen. Die Tatsache, dass ich seit dem Abschluss meines Studiums stets parallel in Forschung, Lehre und Praxis tätig war, hat mir ermöglicht, auf vielfältige Weise für eine Architektur als kulturelle Praxis zu arbeiten. Deshalb freue ich mich besonders auf diese neue Rolle, die mir wieder Gestaltungsspielraum gibt.

