Is There Anything in This World You Would Be Ready to Give Your Life For?

“Is There Anything in This World You Would Be Ready to Give Your Life For?”, installation view, 13th Berlin Biennale, Former Courthouse Lehrter Straße, 2025 © Milica Tomić; Charim Galerie, Vienna; Grupa Spomenik Archive, Vienna; Marija Milutinović Archive; image: Eberle & Eisfeld

In Über den Begriff der Geschichte (1940) blickt Walter Benjamins „Engel der Geschichte“ auf den sich ständig anwachsenden „Trümmerhaufen“ der Vergangenheit. Er fühlt sich gedrängt, diesen wieder zusammenzusetzen, doch der „Sturm des Fortschritts“ treibt ihn in die Zukunft. Milica Tomićs Ausstellung „Is There Anything in This World You Would Be Ready to Give Your Life For?“ lässt jene zerbrochene Zeitlichkeit widerhallen, in der die gewaltsam hervorgebrachten Trümmer der Vergangenheit weiterhin mit dem Gewebe von Gegenwart und Zukunft verwoben sind. Zu sehen war die Schau in zwei miteinander korrespondierenden Iterationen: 2025 bei der 13. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst und 2026 in der Charim Galerie in Wien.

Mit einer Kreidezeichnung des Borromäischen Knotens, einem von Jacques Lacan formulierten Modell der Register des Realen, Symbolischen und Imaginären, durchdenkt Tomić die strukturelle Verflechtung von Mikro- und Makrogeschichten. Zugleich erinnert sie an die alte assyrische Textilknüpftechnik des Makramee, die ihre Mutter Marija Milutinović verwendete.

Die filmische Arbeit Portrait of MM (1999), in Belgrad während der NATO-Bombardements gedreht, verfolgt den Weg der Künstlerin zwischen der eigenen und der Wohnung ihrer Mutter. Dabei zeichnet die Kamera aus der Ich-Perspektive die Flugkurve einer präzisionsgelenkten smart bomb nach. In einer abschließenden Umarmung rückt die Verbundenheit von Mutter und Tochter inmitten eines unter Beschuss stehenden Alltags in den Vordergrund. Räumlich um den Film Tomićs herum platziert, erzeugen erhalten gebliebene Archivdias von Milutinovićs Wandteppichen Nachbilder aus zwei Jahrzehnten künstlerischer Arbeit.

Die Installation Is There Anything in This World You Would Be Ready to Give Your Life For? (2025) überträgt das Motiv des Knotens in eine großformatige räumliche Form und kombiniert 3D-gedruckten Ton mit kultiviertem, versteinertem Myzel. Indem sie Verflechtung als physischen Zustand darstellt, unterläuft sie die Idee eines ontologisch fixierten Objekts, das auf eine individuelle Autorschaft zurückgeht. Präsentiert wird sie neben einer Wandinschrift, die forensische Fallnummern in Vinyl wiedergibt. Sie verweisen auf die DNA-basierte Identifizierung und die physische Anthropologie der aus den Massengräbern geborgenen Opfer des Völkermords von Srebrenica im Jahr 1995.

Einer von der Normalisierung des Massensterbens und dem Wiederaufleben nationalistischer Staatsbildungen geprägten Gegenwart hält die Ausstellung eine dringliche Botschaft entgegen: Sie zeigt, dass es sich dabei um beständige Strukturen und nicht um historische Ausnahmen handelt.

Sonja Teszler