Gegenstand der diesjährigen Ausschreibung der Herbert Eichholzer Architekturförderungspreise war das Haus Mudri im Grazer Stadtteil Andritz, das Herbert Eichholzer und Viktor Badl in den Jahren 1934/35 geplant und errichtet hatten. Dem Studierendenwettbewerb stand die Ausgangsfrage voran, wie dieses Gebäude heute, unter aktuellen Anforderungen, aussehen und gebaut werden könnte. TeilnehmerInnen waren aufgerufen, die Originalpläne zeitgemäß zu interpretieren und Modelle im Maßstab 1:10 für eine Prüfung einzureichen. Bewertet wurden architektonische Qualitäten wie Materialität, Struktur, Ausdruck, Form, Figur, Originalität und Präzision. Die konstruktive, materielle und konzeptuelle Widerstandskraft wurde in Belastungsproben wie Brand, Niederschlag und Gewicht gemessen. Anschließend wurde ein Performance-Index ermittelt. Je höher, desto besser. Die Jury um Markus Bogensberger (Land Steiermark), Andreas Gratl (freischaffender Architekt), Stefan Peters und Antje Senarclens de Grancy (beide TU Graz) sowie Alexandra Würz-Stalder (Stadt Graz) begründete ihre Entscheidung zur Preisvergabe wie folgt:
Der erstgereihte Wettbewerbsbeitrag von Fabian Obenaus und Leonhard Rump überzeugt durch eine präzise und sorgfältige Neuinterpretation der einzelnen Bauteile. Diese wurden ökologisch und konstruktiv weiterentwickelt und zu einem stimmigen Gesamtentwurf zusammengeführt. Das Ergebnis ist eine architektonisch hochwertige Umsetzung, die voraussichtlich auch den aktuellen technischen Standards entspricht. Nach Einschätzung der Jury gelingt hier die Transformation des Referenzgebäudes von Herbert Eichholzer in die heutige Zeit unter Berücksichtigung aller Bewertungskriterien am überzeugendsten.
Mara Tolpeit und Sára Anna Tóth zeigen ein starkes Engagement für ökologische Lösungen und großen Mut zur Originalität. Dieses Engagement wurde am Modell durch ein außerordentliches Erscheinungsbild sichtbar gemacht. Zudem geht das Projekt sehr feinfühlig mit den ursprünglichen gestalterischen Merkmalen des Wettbewerbsgegenstandes um und versucht, diese in moderne Konstruktionen zu übertragen. Der Tragfähigkeitstest ‚Heavy Duty‘ zeigt jedoch auch die Grenzen des Ansatzes. Dieser sehr mutige und durch seine Originalität herausragende Beitrag erhält den zweiten Preis.
Für ihre zeitgenössische Interpretation des Hauses Mudri wird Tobias Manegold, Thomas Schaumberger, Bendjamin Udomkaewkanjana und Jakob Weingartner der dritte Preis verliehen. Die Materialwahl sowie die vom Referenzprojekt abweichende Neugestaltung einzelner Bauteile, wie die bodentiefe Ausführung der Fensteröffnungen zur Terrasse, verweisen auf zeitgemäße Lösungen im Eigenheimbau. Ob die im Modell unvollständig ausgeführten konstruktiven Details ebenfalls als ein Beleg für die kritische Auseinandersetzung mit der gängigen Hausbaupraxis zu werten sind, konnte die Jury nicht klären.
Die von der Stadt Graz und der Fakultät für Architektur vergebenen Auszeichnungen wurden am 10. Dezember 2025 in einer Preisverleihung überreicht, bei der auch Gemeinderat Georg Topf anwesend war. Mit den seit 1992 zweijährlich ausgeschriebenen Herbert Eichholzer Architekturförderungspreisen würdigen die Stifterinnen die Bedeutung Eichholzers als Vertreter der Architekturmoderne und des Widerstands gegen den Nationalsozialismus. Ausgerichtet wurden sie heuer vom Institut für Raumgestaltung.
Franziska Hederer