GAM: Was hat dich einst dazu bewegt, Architektur zu studieren?
HG: Das war mir schon relativ früh klar. Weil ich in der Schule – und das klingt jetzt klischeehaft – irrsinnig gern und viel gezeichnet habe, und weil ich in darstellender Geometrie wirklich gut war. Dadurch habe ich entdeckt, dass ich ein sehr gutes räumliches Vorstellungsvermögen habe. Schon in jungen Jahren hat mich die Kirche von Domenig/Huth in Oberwart beeindruckt, da war ich gerade zehn Jahre alt und ging mit meinen Eltern jeden Sonntag in die Kirche. Das regelmäßige Erlebnis dieses Kirchenraums in unterschiedlichen klimatischen Verhältnissen und Lichtstimmungen hat mich geprägt. Ein weiterer Anknüpfungspunkt war das Haus Dellacher von Raimund Abraham. Mein Großvater, der Kunsttischler war, hat für Max Dellacher Möbel restauriert, so kam ich auch in Kontakt mit dem Haus.
GAM: Und wann kam es zu dem Entschluss, eine Karriere an der TU Graz zu verfolgen?
HG: Durch die vielen Jahre im Zeichensaal war ich der Universität immer sehr verbunden. Auch nach dem Studium habe ich die Verbindung nicht abreißen lassen; habe beispielsweise neben der Selbstständigkeit als Architekt einen Lehrauftrag für Entwerfen bei Günther Domenig angenommen oder war interimistisch für ein Jahr am Institut für Baukunst tätig. Die Initiative ging aber immer von der Universität aus, weil ich als Gründer eines jungen Büros ein paar kleine Projekte gemacht habe, die offensichtlich interessant waren. Aber es war keine bewusste, strategische Entscheidung, sondern ist aus der grundsätzlichen Bereitschaft an der Universität mitzuarbeiten entstanden. Als die Chance dann da war, habe ich sie ergriffen.
GAM: Von 2008 bis 2023 hattest du an der Fakultät die Funktion des Studiendekans inne. Wenn du dein Architekturstudium mit dem heutigen Studium vergleichst, was hat sich verändert?
HG: Die Rahmenbedingungen waren damals ganz andere. Wenn ich an mein Studium zurückdenke, habe ich von der Organisation oder Administration nichts mitgekriegt. Es gab den Studienservice, da musste man hin. Ein Dekanat in der heutigen Form gab es damals nicht. Es gab einen Studienplan, den hat man sich angeschaut und ab einem gewissen Zeitpunkt, also ab dem dritten, vierten Semester, ignoriert. Wir haben uns im Zeichensaal sehr viel selbst beigebracht, weil uns nur das Entwerfen interessiert hat. Das Fachwissen war auf Konstruktion, Statik und Architekturgeschichte beschränkt, und das hat das Studieren auf einer bestimmten Ebene sehr einfach gemacht. Ich kann mich bewusst nur an die Korrekturen bei Peter Hellweger erinnern, er war Teil der ersten Assistentengeneration Günther Domenigs und einer der hellsten Köpfe überhaupt. Aber die eigentliche Auseinandersetzung mit einem Projekt oder einem Entwurf hat praktisch ausschließlich im Zeichensaal stattgefunden. Man musste sich die Anerkennung des Kollektivs immer wieder neu erarbeiten, und es war manchmal völlig egal, welche Note man von einem Professor bekommen hat. Bewertet wurde auch nicht die eigene Arbeit allein, denn es war immer ein Beitrag der Anderen mit dabei. Das hat später in der Selbstständigkeit geholfen: Im Entwurf geht es immer darum, sich mit Einflüssen auseinanderzusetzen und sich inspirieren zu lassen, aber dabei selber die Kontrolle über den Prozess zu haben. Prozesshaftigkeit, ein Begriff über den wir heute oft reden, war damals etwas Selbstverständliches, ohne dass man es so benannt hätte. Wir haben damals in den Zeichensälen gelebt – ich bin in der Früh gekommen und um Mitternacht gegangen – und das über viele Jahre. Damals war die Schule auch klein, mit wenigen Studierenden. Heute brauchen wir eine bestimmte Grundstruktur, denn die Studierenden haben auch nicht mehr die Zeit, die wir damals hatten. Das ist, glaube ich, der entscheidende Unterschied.
GAM: Was hat sich inhaltlich verändert?
HG: Heute gibt es viele Themen neben dem Entwerfen, mit denen die Studierenden konfrontiert werden und über deren Notwendigkeit man streiten kann. Meiner Meinung nach geht es im Architekturstudium ums Entwerfen. Alles andere lässt sich danach (nochmal) lernen. Ich kann mir jedes Gesetz, jede Formel später aneignen und auch selber entscheiden, ob ich sie mir aneignen muss oder nicht. Entwerfen – also das Grundverständnis, wie man entwirft, und die dafür notwendigen Methoden – kann ich nur an der Universität lernen. Dafür gibt es nach dem Studium weder Zeit noch eine Chance. Deswegen bleibe ich auch ein Verfechter des Entwerfens als Schwerpunkt, weil, wenn man es hier nicht lernt, lernt man es nirgendwo. Und das ist das, was den Beruf ausmacht.
GAM: Auf welche Errungenschaften im Laufe deiner Karriere bist du besonders stolz?
HG: Wenn man sieht, was wir als Entwurfsinstitut früher gemacht haben und wo wir jetzt stehen, bin ich sehr zufrieden mit der Entwicklung. Das hat damit zu tun, dass wir uns intern ständig darüber austauschen, was funktioniert und was nicht funktioniert (hat). Die Studierenden sollen schließlich Erkenntnisgewinn erlangen. Wir wählen unsere Themen sehr bewusst, und die größte Errungenschaft war die Fragmentierung des Entwurfsprozesses.
GAM: Was heißt das genau?
HG: Früher haben wir versucht, den Entwurfsprozess so zu lehren, wie man ihn auch im Arbeitsprozess macht. Das heißt, man hat ein Grundstück, ein Programm, das man diskutiert, dann die städtebauliche Dimension, danach kommt die Fassade usw. Und das hat zu dem unbefriedigenden Ergebnis geführt, dass Entscheidungen in Bezug auf die Fassade mit Entscheidungen in Bezug auf den Grundriss begründet wurden und alles als Folge der vorhergehenden Entscheidungen betrachtet wurde. Das ist aber fatal, weil man immer nur mit seinen eigenen Entscheidungen argumentiert. Und deswegen machen wir es inzwischen so, dass wir – zum Beispiel bei einem Stadthaus – zunächst die Fassade entwickeln. Oder wir sagen: Stellt euch zunächst eine Stimmung vor und entwickelt diese Stimmung dann weiter. Oder wir fragen: Wie entsteht Atmosphäre? Damit lernt man, über Themen unabhängig nachzudenken und Ziele zu formulieren, die über das Programm hinausgehen. Es ist wichtiger, über die Anmutung von Materialien oder Farbe Bescheid zu wissen, als einen Dichtungsfolienanschluss lösen zu können. Denn das Problem ist ja, wenn ich mit dem Grundriss beginne, dann glaube ich, dass ich mit dem Erfüllen des Grundrisses schon mein Projekt habe. Habe ich aber nicht. Und deswegen ziehen wir andere Themen wie die Materialisierung, die vertikale Erschließung oder die Eingangssituation einfach vor, bevor es den Grundriss gibt. Und diese Fragmentierung hat sich unglaublich gut etabliert. Die Studierenden entwerfen freier und entwickeln ihre Konzepte unabhängig von bestimmten Programmideen. Das erkennt man an der Qualität der Entwurfe und darauf bin ich wirklich stolz. Wir hatten außerdem immer das Glück, dass wir bekannte ArchitektInnen ins Boot holen konnten, kurz bevor sie richtig bekannt wurden. Einer der ersten war Christian Inderbitzin von EMI, oder Markus Penell von Ortner & Ortner Baukunst, TEd’A arquitectes, oder der Interior Designer Hannes Peer. Er hat beispielsweise durch Filmsequenzen Stimmungsthemen vermittelt.
GAM: Was möchtest du den Architekturstudierenden mit auf den Weg geben?
HG: Sich Zeit lassen. Ich glaube, es ist ganz wichtig, sich Zeit zu lassen und unbekümmert zu sein. Es gibt im Studium nach wie vor genug Freiheiten, die man sich nehmen kann, denn sie werden einem nicht serviert. Wichtig ist, eine gute Entwerferin beziehungsweise ein guter Entwerfer werden zu wollen. Das ist das Alleinstellungsmerkmal.
GAM: Was zeichnet einen guten Entwerfer, eine gute Entwerferin aus?
HG: Persönliche und gesellschaftliche Bedürfnisse zu erkennen – die liegen nicht offen am Tisch. Am Tisch liegen Überschriften, aber das Unterschwellige, das über Raumgefühl entscheidet, das muss man spüren. Und diese Sensibilität zu entwickeln ist beim Entwerfen zentral. Entwerfen ist ja immer eine extreme Abfolge von Entscheidungsprozessen, und man muss ein eigenes Instrumentarium dafür schaffen. Das beinhaltet auch, alle Parameter, die den Entwurfsprozess beeinflussen, zu kennen und zu bewerten. Und dann brauche ich ein unglaubliches Regal an Möglichkeiten. Das kann ich mir nur erarbeiten, indem ich mich nicht nur für Architektur und Architekturgeschichte interessiere, sondern indem ich genau weiß, was an einem Ort passiert (ist) und ich idealerweise viele Referenzbeispiele selbst gesehen habe. Es ist wichtig, dass man zu diesem Regal der Architekturgeschichte jene Dinge hinzufügt, die einen persönlich berühren. Und damit entsteht im Idealfall eine eigene Sprache. Wenn man das bündeln kann, dann kann man eine gute Entwerferin, ein guter Entwerfer werden. Oft braucht es aber drei, vier, fünf, sechs Entwürfe bis man ein bestimmtes Thema für sich erschlossen und begriffen hat. Und man muss natürlich immer offen sein für neue Themen.
GAM: Welche Themen oder Dinge werden dich in nächster Zeit beschäftigen?
HG: Ich werde nach wie vor im Büro arbeiten, aber mich aus bestimmten Themenfeldern zurückziehen, das habe ich auch bereits. Wir machen im Büro relativ viele Privathäuser und die Entwürfe dafür habe ich immer selber mit Bleistift gezeichnet. Ich zeichne nur mit Bleistift und das lässt sich in der Entwurfsphase natürlich nur bis zu einer bestimmten Projektgröße bewerkstelligen. Das heißt, ich entwerfe am Anfang und dann gebe ich es weiter. Später steige ich wieder in das Projekt ein, speziell wenn es um Details oder das Interieur geht. Wir versuchen, alles bei den Häusern zu machen, also auch die Möblierung mitzudenken und zu entwerfen. Da kann ich in meiner letzten Berufsphase noch viel bewirken. Wir gestalten schließlich Lebensräume.
GAM: Danke dir für das Gespräch.
Das Gespräch führte Petra Eckhard.