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„Programmieren ist wie Lesen eines guten Buchs“

09.07.2020 | Banner Bachelor Studien | Face to face |

Von Ute Wiedner

Naomi Pfaff wechselte vom Psychologie- zum Informatik-Studium an der TU Graz. Wie sie zum Programmieren kam, warum ein Fantasy Spiel weibliche Teenager besser lernen lässt und wann sie erfuhr, wer Billie Eilish ist.

Studentin Naomi Pfaff wechselte nach dem Bachelorstudium in Psychologie zur Informatik. Das Studium empfiehlt sie Menschen, die gerne analysieren und querdenken.

News+Stories: Sie beenden in Kürze Ihr Bachelorstudium in Psychologie und stehen am Beginn des Informatik-Studiums. Ein ungewöhnlicher Weg. Was begeistert Sie an der Informatik?

Naomi Pfaff: Das Programmieren selbst. Man kann sich ganz darin verlieren – so wie beim Lesen eines guten Buchs. Dann stehst du auf, es ist drei Stunden später und du merkst, dass du eigentlich Hunger hast. Auch wenn es keine anderen Gründe dafür gäbe, als zu forschen oder beruflich damit zu arbeiten, würde ich mich hinsetzen und programmieren. Das wusste ich schon vor dem Informatik-Studium. Was mich überrascht hat war das Glücksgefühl, wenn man ein mathematisches Problem löst, an dem man schon lange arbeitet. Wenn mir jemand vorher gesagt hätte, wie viele Stunden ich im Informatik-Studium manchmal an einem Problem sitzen würde, hätte ich es sicher als ein Punkt gegen das Studium gewertet. Aber eigentlich liebe ich genau diesen Weg. Du hast immer das Gefühl, kurz vor der Antwort zu stehen und änderst so lange deinen Ansatz, bis es endlich klappt.

Du hast immer das Gefühl, kurz vor der Antwort zu stehen und änderst so lange deinen Ansatz, bis es endlich klappt.

Was waren die ersten Berührungspunkte mit Informatik?

Naomi Pfaff: Ich habe Psychologie aus Interesse am menschlichen Bewusstsein studiert und im Studium gelernt, wie neuronale Netzwerke funktionieren. Als ich erfuhr, dass Forschende daran arbeiten, das Bewusstsein in Computerprogrammen zu modellieren, wollte ich das auch machen. Damals habe ich zum ersten Mal versucht, die Programmiersprache Python zu lernen. Ich hatte nur ein Python-Buch aus der Bibliothek und wusste nichts von den vielen YouTube-Tutorials. Ich kam sehr langsam voran und hatte Abgaben für das Psychologie-Studium, die ich priorisieren musste. Also legte ich das Programmieren erst einmal beiseite und konzentrierte mich auf mein damaliges Studium.

An der TU Graz werden regelmäßig IT-Sommerkurse für Anfängerinnen/Anfänger und Fortgeschrittene zwischen 10 und 19 Jahren angeboten, darunter auch Kurse speziell für Frauen und Mädchen.

Wann fiel der Entschluss, an der TU Graz Informatik zu studieren?

Naomi Pfaff: Zunächst suchte ich gezielt psychologische Praktika, in denen ich programmieren konnte. In meinem ersten Praktikum habe ich statistische Analysen in der für den Anfang einfacheren Programmiersprache R programmiert. So hatte ich Hilfe durch meine Betreuerin, wenn ich in Sackgassen kam. Im nächsten Praktikum war es meine Aufgabe, ein Spiel zu entwerfen und in Python zu schreiben. Im vierten Semester des Psychologie-Bachelorstudiums war ich sicher, dass ich beruflich Programmieren will. Aber mich interessierte auch die Psychologie. Daher plante ich, erst nach meiner Bachelorarbeit mit Informatik anzufangen.

In der Bachelorarbeit  entwarfen Sie ein Tutorial Game mit Lernaufgaben in bestimmten Bereichen der Mathematik oder des Programmierens, speziell für weibliche Teenager. Warum?

Naomi Pfaff: Der Entwurf der Aufgaben in dem Lernspiel ist im Prinzip für alle Anfängerinnen und Anfänger geeignet. Die Aufgaben sind so entworfen, dass sie das Arbeitsgedächtnis weniger belasten als vergleichbare Aufgaben. Das kommt gerade Anfängerinnen und Anfängern zugute, weil sie mehr Arbeitsgedächtniskapazität brauchen, um den Problembereich mental zu repräsentieren, das heißt eine innere Vorstellung davon zu entwickeln. Weibliche Anfänger stehen beim Programmieren aber vor dem zusätzlichen Problem von „stereotype threat”. Das ist eine Arbeitsgedächtnisbelastung, die entsteht, wenn jemand aus einer sozialen Gruppe, dem Fähigkeiten in einem Bereich abgesprochen werden, Probleme aus diesem Bereich bearbeitet. Das belastet das Arbeitsgedächtnis zusätzlich. Meine Annahme war daher, dass Anfängerinnen besonders von Aufgaben profitieren, von denen man lernen kann, ohne dass eine hohe Arbeitsgedächtnisbelastung entsteht. Auch das Design, also Handlung, Gameplay und Graphiken des Spiels, in dem diese Aufgaben verwendet werden, ist auf weibliche Teenager zugeschnitten. Hierzu haben wir weibliche Teenager zu ihren Präferenzen bei Computerspielen, Handyspielen und zu ihren generellen Interessen befragt. Ich habe so gelernt, wer Billy Eilish ist (Anm. der Redaktion: Eine US-amerikanische Singer-Songwriterin, die weltweit die Charts stürmte). Fantasy Spiele und Spiele, in denen Handlung im Mittelpunkt steht, wurden am häufigsten als Lieblingsspiele genannt. Deswegen ist das Spiel ein Fantasy Spiel, in dem die Handlung im Mittelpunkt steht.

In dem von Naomi Pfaff entwickelten Spiel geht es um ein Mädchen, dessen Hund Noodles in einem Magischen Buch verschwindet. Das Mädchen betritt auf der Suche nach Noodles die Zauberwelt des Buchs, in der ihr von einer sarkastischen Katze das Zaubern beigebracht wird. Jeder Zauberspruch ist eine Programmieraufgabe und seine Wirkung auf die Spielwelt ist mit der Wirkung des Codes verbunden.

Wem würden Sie das Informatik-Studium nach Ihren bisherigen Erfahrungen empfehlen?

Naomi Pfaff: Ich glaube, Informatik würde neben den Menschen, denen in der Schule Mathe und Physik gefällt, auch denen Spaß machen, die gerne in Deutsch, Politik und Geschichte analytische Aufsätze schreiben. Die Abstraktionsfähigkeit, die man braucht, die Suche nach logischen Zusammenhängen und sogar der Arbeitsmodus ähneln sich beim Programmieren und beim Schreiben solcher Aufsätze. Man muss im Informatikstudium oft querdenken, was in der Schule beim Schreiben von Aufsätzen geübt wird. Informatik würde ich also – außer den „üblichen Verdächtigen” aus den Physik- und Mathematik-Leistungskursen – auch Leuten empfehlen, denen man sonst Jura ans Herz legen würde.

Ich glaube, Informatik würde neben den Menschen, denen in der Schule Mathe und Physik gefällt, auch denen Spaß machen, die gerne in Deutsch, Politik und Geschichte analytische Aufsätze schreiben.

Haben Sie schon eine Vorstellung von Ihrem Beruf nach dem Studium?

Naomi Pfaff: Ich will auf jeden Fall irgendwann zum europäischen Human Brain Project. Darin befassen sich Forschende aus Computational Neuroscience und Neuroinformatik genau mit der Idee, die mich ganz am Anfang zur Informatik gebracht hat. Sie modellieren mit Programmen Bewusstsein bzw. Teile davon.

Der TU Graz kommt eine Schlüsselrolle im EU Flaggschiff-Projekt Human Brain Project zu. Aktuellen Projekten an der TU Graz im Umfeld der Gehirnforschung widmen sich die News+Stories-Beiträge „Neuer Ansatz für eine biologische Programmiersprache“ und „Unser Gehirn – der spannendste aller Computer“.

Information

Naomi Pfaff entwickelte das Lernspiel für ihre entwicklungspsychologische Bachelorarbeit “The effect of worked examples on problem schema acquisition within a digital coding tutorial“ beim Google Summer of Code von Catrobat. TU Graz Absolventin Bernadette Spieler betreute die Arbeit zusammen mit Fenerc Kemeny von der Entwicklungspsychologie der Universität Graz. Seit dem Sommersemester 2020 studiert Naomi Pfaff Informatik an der TU Graz.

Kontakt

Naomi PFAFF
Studentin im Bachelorstudium „Informatik”
TU Graz
pfaffnoSpam@student.tugraz.at