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Blog - Die Entwicklung von Open Access

Die Entwicklung von Open Access -
oder warum Open Access nicht gleich Open Access bedeutet

Autorin: Michaela Zottler
Veröffentlicht am 7.10.2019
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Das Konzept von Open Access erscheint auf den ersten Blick unkompliziert: freier Zugang zu wissenschaftlichen Publikationen für alle. Dennoch bedeutet Open Access nicht immer exakt dasselbe. Je nach verwendeter Definition findet man teils kleine, aber relevante Unterschiede. Die TU Graz beruft sich beispielweise – wie viele andere Institutionen – auf die sogenannte Berlin Declaration on Open Access. Daneben existieren aber auch andere OA-Erklärungen. Wie Open Access in den einzelnen Deklarationen definiert ist und wie das Konzept von OA sich entwickelt hat, klären wir in diesem Blogbeitrag.
 

Der Ursprung von Open Access

Zur wissenschaftlichen Kommunikation wurden seit dem 17. Jahrhundert bekanntermaßen Zeitschriften genutzt. Mit den technologischen Weiterentwicklungen im 20. Jahrhundert kamen jedoch weitere Arten der Verbreitung von Forschungsergebnissen hinzu. Zuerst begannen Forschende, sich wissenschaftliche Artikel gegenseitig per Mail zuschicken. Danach folgten die ersten Preprint-Server wie arXiv, über die auch heute noch Papers veröffentlicht werden, bevor sie in Zeitschriften erscheinen. Die Preprint-Kultur wird allgemeinhin als Grundlage oder Vorreiter von Open Access gesehen.

Die konkrete Entstehung von Open Access ist zwei, etwa gleichzeitig stattfindenden Entwicklungen ab den 1990er Jahren zuzuschreiben: einerseits die Verbreitung eines allgemein zugänglichen Internets, andererseits die für naturwissenschaftlich-technische Bibliotheken immer unerschwinglicheren Lizenzgebühren für wissenschaftliche Zeitschriften. Diese Entwicklungen stellten den Ausgangspunkt für die sich formierende Open-Access-Bewegung dar, die nun einen freien Zugang zu Forschungsergebnissen für alle forderte. Diese Forderung wurde schließlich in unterschiedlichen Statements Anfang der 2000er Jahre formuliert: in der Budapest Open Access Initiative, dem Bethesda Statement of Open Access Publishing und der Berlin Declaration on Open Access.
 

Budapest Open Access Initiative

Die Budapest Open Access Initiative (kurz BOAI) war eine interdisziplinäre Initiative europäischer und amerikanischer Forschender im Jahr 2002. In ihr wird Open Access wie folgt definiert:

By "open access" to this literature, we mean its free availability on the public internet, permitting any users to read, download, copy, distribute, print, search, or link to the full texts of these articles, crawl them for indexing, pass them as data to software, or use them for any other lawful purpose, without financial, legal, or technical barriers other than those inseparable from gaining access to the internet itself. The only constraint on reproduction and distribution, and the only role for copyright in this domain, should be to give authors control over the integrity of their work and the right to be properly acknowledged and cited.  (https://www.budapestopenaccessinitiative.org/read)

Zusätzlich empfahlen die Forschenden zur Umsetzung von OA die Selbstarchivierung der Papers und den Aufbau von alternativen Fachzeitschriften, die Open Access verpflichtet sind. Ein zusätzlicher kostenverbundener Zugang zu Printversionen wird nach BOIA zudem nicht ausgeschlossen, solange es eine frei zugängliche Online-Version gibt. Ein Artikel mit Embargo-Frist hingegen wird nicht als Open-Access-Publikation gewertet. Hinzu kommt, dass nur Open-Access-Literatur gefördert werden soll, die einen Peer-Review-Prozess durchlaufen hat, oder die vor einem geplanten Peer Review auf Preprint-Servern veröffentlicht wurde. Die Kosten, die durch diesen Publikationsprozess entstehen, sollen laut BOAI mit sogenannten APC (Article Processing Charges) abgedeckt werden.
 

Bethesda Statement of Open Access Publishing

Die Urheber und Urheberinnen des Bethesda Statements waren die 24 Teilnehmenden eines Meetings des Howard Hughes Medical Institutes im Jahr 2003. Sie definieren Open Access folgendermaßen:

An Open Access Publication is one that meets the following two conditions:

  1. The author(s) and copyright holder(s) grant(s) to all users a free, irrevocable, worldwide, perpetual right of access to, and a license to copy, use, distribute, transmit and display the work publicly and to make and distribute derivative works, in any digital medium for any responsible purpose, subject to proper attribution of authorship, as well as the right to make small numbers of printed copies for their personal use.
  2. A complete version of the work and all supplemental materials, including a copy of the permission as stated above, in a suitable standard electronic format is deposited immediately upon initial publication in at least one online repository that is supported by an academic institution, scholarly society, government agency, or other well-established organization that seeks to enable open access, unrestricted distribution, interoperability, and long-term archiving (for the biomedical sciences, PubMed Central is such a repository). (https://legacy.earlham.edu/~peters/fos/bethesda.htm)

Das Bethesda-Statement baut auf die Budapester Initiative auf und geht darauf ein, wie Nutzerinnen und Nutzer Open Access praktisch umsetzen sollen. Außerdem fordert es – im Gegensatz zu BOAI – explizit einen unbegrenzten derivativen Gebrauch sowie Lizenzen für Open-Access-Publikationen. Einen weiteren wichtigen Unterschied zur BOAI stellt die Form des Zugangs zur Publikation dar: Veröffentlichungen – egal ob Gold oder Green Open Access – müssen in Repositorien abgelegt werden, um nach dem Bethesda Statement als Open Access zu gelten.
 

Berlin Declaration on Open Access

Die Berliner Deklaration wurde 2003 im Rahmen einer Konferenz in Berlin beschlossen und stand unter der Schirmherrschaft der Max-Plank-Gesellschaft. Die 19 Initiativmitglieder waren deutsche und internationale Forschungsorganisationen. Die Berlin Declaration on Open Access greift frühere Definitionen von Open Access – teils wörtlich – auf:

Establishing open access as a worthwhile procedure ideally requires the active commitment of each and every individual producer of scientific knowledge and holder of cultural heritage. Open access contributions include original scientific research results, raw data and metadata, source materials, digital representations of pictorial and graphical materials and scholarly multimedia material.

  1. Open access contributions must satisfy two conditions: The author(s) and right holder(s) of such contributions grant(s) to all users a free, irrevocable, worldwide, right of access to, and a license to copy, use, distribute, transmit and display the work publicly and to make and distribute derivative works, in any digital medium for any responsible purpose, subject to proper attribution of authorship (community standards, will continue to provide the mechanism for enforcement of proper attribution and responsible use of the published work, as they do now), as well as the right to make small numbers of printed copies for their personal use.
  2. A complete version of the work and all supplemental materials, including a copy of the permission as stated above, in an appropriate standard electronic format is deposited (and thus published) in at least one online repository using suitable technical standards (such as the Open Archive definitions) that is supported and maintained by an academic institution, scholarly society, government agency, or other well-established organization that seeks to enable open access, unrestricted distribution, inter operability, and long-term archiving. (https://openaccess.mpg.de/Berliner-Erklaerung)

Im Unterschied zu BOAI und dem Bethesda Statement bezieht die Berliner Deklaration einerseits das kulturelle Erbe mit ein (in Archiven, Bibliotheken und Museen verwahrtes Kulturgut) und berücksichtigt zudem Forschungs- und Metadaten.
 

Gemeinsamkeiten und Unterschiede

Die drei Definitionen unterscheiden sich leicht voneinander, dennoch weisen sie dieselben Grundzüge auf. Sie fordern einerseits einen kostenfreien Zugang zu Publikationen für alle Personen mit Internetzugang, andererseits die Erlaubnis zur freien Nutzung für alle wissenschaftlichen Zwecke.

Dennoch unterscheiden sich die Erklärungen dahingehend, welche Formen von Publikationen tatsächlich als Open Access gelten. Berlin bezieht hier Forschungs- und Metadaten mit ein, Budapest und Bethesda nur die wissenschaftlichen Publikationen selbst. Denn in den beiden Erklärungen wird nur von „literature“, „articles“ oder „work“ gesprochen, in der Berliner Deklaration hingegen wird der OA-Begriff durch die Formulierung „contributions“ weiter gefasst. BOAI und das Bethesda Statement schließen zudem explizit Embargofristen aus: Bei einer Veröffentlichung in einem kostenpflichtigen Medium muss die Open-Access-Publikation zeitgleich erfolgen, um als Open Access anerkannt zu werden. Noch restriktiver ist die BOAI, da sie zudem Preprint-Versionen ohne Peer Review ausschließt.
 

Fazit – Die Entwicklung von Open Access

Betrachtet man die drei Erklärungen chronologisch, ist eine Entwicklung der Open-Access-Definition zu erkennen. Der Begriff beginnt sich ausgehend von der Budapester Initiative über das Bethesda Statement bis zur Berliner Deklaration langsam auszuweiten.

Die erste der Erklärungen – BOAI – beschränkt OA-Preprints noch, indem sie nur Artikel einschließt, die zukünftig einem Peer Review unterzogen werden. Bethesda und danach Berlin nehmen eine solche Einschränkung nicht mehr vor. Bethesda – und anschließend Berlin – inkludieren einen unbegrenzten derivativen Gebrauch bei Open-Access-Publikationen. Die chronologisch späteste Erklärung, die Berliner Deklaration, erweitert den OA-Begriff schließlich auf kulturelles Erbe und Metadaten von Forschungsergebnissen und sieht – im Gegensatz zur BOAI und dem Bethesda Statement – auch vom Ausschluss von Embargo-Fristen ab.

Die Berlin Declaration on Open Access kann daher als der (zumindest vorläufige) Abschlusspunkt einer Entwicklung zu einer inklusiveren Definition von Open Access gesehen werden.
 

Links

Budapest Open Access Initiative: https://www.budapestopenaccessinitiative.org/read

Bethesda Statement of Open Access Publishing: https://legacy.earlham.edu/~peters/fos/bethesda.htm

Berlin Declaration on Open Access: https://openaccess.mpg.de/Berliner-Erklaerung