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Projekt STELA: Attraktiver Siedlungsbau in Leoben

Es ist eine große Herausforderung, aus mehrgeschossigen Wohnbauten der 1970er-Jahre attraktive Lebensräume zu entwickeln, die umweltfreundlich sind und den heutigen Wohnbedürfnissen entsprechen. Im Rahmen des Projekts STELA erarbeiten Forschende im Field of Expertise Sustainable Systems der TU Graz gemeinsam mit der Stadt Leoben und weiteren Projektpartnern ein ganzheitliches Konzept mit folgenden Inhalten: Anpassung des Wohnangebots an moderne Lebensstile, Erzielung von deutlich geringeren CO2-Emissionen und Schaffung von Anreizen zur sanften Mobilität, zum Beispiel durch Vermietung von E-Bikes oder kleinen Elektroautos.

Drei Schwerpunkte

Im Rahmen des Projekts STELA beschäftigen sich die Forschenden mit einer umfassenden thermischen und technischen Sanierung, verbunden mit einer grundlegenden Aufwertung von in den 1970er- Jahren entworfenen mehrgeschossigen Wohnbauten am Beispiel einer Siedlung in Leoben:

  • Die Wohnungsgrößen sollen an die aktuellen Bedürfnisse der Bewohnerinnen und Bewohner angepasst werden. 
  • Deutlich niedrigere CO2-Emissionen sollen erzielt werden: durch die Errichtung einer thermischen Pufferzone als zusätzliche Gebäudehülle mit Glas- und Photovoltaik-Elementen als Alternative zu konventionellen Wärmedämmverbundsystemen. 
  • Anreize zur sanften Mobilität sollen geschaffen werden: durch die Einrichtung einer sogenannten E-Lobby im Erdgeschoß des Gebäudes – eine Mobilitätszentrale für das Teilen von Elektrofahrzeugen, die zugleich ein großzügiger Eingangsbereich für das Wohnhaus ist.
Bildquelle: TU Graz/IGL

Die E-Lobby ist eine Kombination aus Eingangsbereich und Elektro-Mobilitätszentrale, wo man E-Bikes oder kleine Elektroautos mieten kann.

Bildquelle: Hans Gangoly
Hans Gangoly, Projektkoordinator und Leiter des Instituts für Gebäudelehre

Gemeinsam mit der Stadt Leoben haben wir haben ein ganzheitliches Konzept entwickelt, das jetzt konkret umgesetzt wird. Das Besondere ist die intensive Beteiligung der Bewohnerinnen und Bewohner an der Planung.

Bildquelle: TU Graz/Institut für Gebäudelehre

Anpassung an aktuelle Wohnbedürfnisse

Zwischen 5 und 11 Stockwerke sind die Siedlungshäuser im Leobner Stadtteil Judendorf hoch. Der immer gleiche Grundriss der Wohnungen ist auf die klassische Zwei-Kind-Familie ausgerichtet. Der Großteil aller aus dieser Zeit stammenden Wohnbauten in sämtlichen mittelgroßen Städten Europas ist nach diesem Schema gebaut. Damals haben solche Häuser den Bedürfnissen der Menschen entsprochen, mittlerweile aber erfüllen sie weder die sozialen noch die ökologischen Mindestanforderungen. Nur noch 1/3 der Europäerinnen und Europäer lebt heute in einer Familie, die Mehrheit geht zumindest phasenweise als Single durch das Leben. Dadurch ändern sich auch die jeweiligen Wohnansprüche.

Ein neuer warmer Mantel

Wie schaut diese thermische Pufferzone aus? Es handelt sich um eine zusätzliche Gebäudehülle aus einer Stahl-Holz-Konstruktion mit Glas- und Photovoltaik-Elementen. Zwischen der neuen Außenhaut und der alten Fassade entsteht dadurch ein Zwischenraum von einer Breite zwischen 60 cm und drei Metern, erläutert Hans Gangoly. Dadurch kann zusätzlicher Wohnraum gewonnen werden. Durch verschiebbare Glaselemente lässt sich dieser Zwischenraum in der warmen Jahreszeit in eine Terrasse, in der kalten Saison in einen Wintergarten verwandeln. Hybridmodule, die umlaufend an den Brüstungen befestigt werden, erzeugen mittels Photovoltaik nachhaltig Strom. Die integrierten Solarelemente schützen den Raum vor Überhitzung und kühlen im Bedarfsfall die Photovoltaikmodule, um ihren Wirkungsgrad zu erhöhen. Mit Hilfe dieser thermischen Pufferzone – als ökologische Alternative zum gängigen Wärmeverbundsystem – kann der Wärmeenergiebedarf um 77 % und die CO2-Emmissionen um fast 60 % gesenkt werden.

E-Lobby für sanfte Mobilität

Die überschüssige Energie aus den Photovoltaikmodulen wird für eine innovative Gemeinschaftseinrichtung im Erdgeschoß des Hauses genutzt werden: die E-Lobby – eine Kombination aus Eingangsbereich und Elektro-Mobilitätszentrale, wo man E-Bikes oder kleine Elektroautos mieten kann.

Der auf sanfte Mobilität spezialisierte Projektpartner E-Steiermark Mobilitäts GmbH wird für die Projektphase die Fahrzeuge zur Verfügung stellen und daraus die Akzeptanz und das Nutzerverhalten analysieren. Durch die geplante Aufzeichnung des Einsatzes der E-Fahrzeuge erhofft man sich auch neue Erkenntnisse für die Weiterentwicklung der Akkus.

Ganzheitliches Konzept für „Smart Cities“

Um für die nachhaltige Sanierung im städtischen Umfeld ganzheitliche Lösungskonzepte anbieten zu können, ist ein transdisziplinäres Team mit der Umsetzung des STELA-Projekts beschäftigt: Architektinnen und Architekten, Bauökologinnen und Bauökologen, Energieexpertinnen und -experten, Soziologinnen und Soziologen etc.
Die wachsenden europäischen Städte sollen in den nächsten Jahren in einem gelenkten, tiefgreifenden Transformationsprozess zu menschen- und umweltfreundlichen Lebensräumen umgewandelt werden, sogenannte Smart Cities. Von besonderer ökologischer und ökonomischer Bedeutung ist daher, dass bestehende Stadtstrukturen verdichtet, die Gebäude in Hinblick auf Energieeffizienz und Wohnqualität saniert und Pendlerströme eingeschränkt werden.
Damit wird die Lebensqualität für die Stadtbevölkerung steigen: eine bessere Luftgüte, reduzierte Lärmbelastung, Grünflächen als Erholungsraum und adäquater Wohnraum.
Dazu Hans Gangoly: Im Rahmen unseres Projekts zeigen wir nachhaltige und attraktive Alternativen zum Einfamilienhaus am Stadtrand auf. Wir wollen die Räume für Wohnen, Arbeit und Erholung in erster Linie als Lebensraum für die Menschen gestalten.

Bildquelle: TU Graz/IGL

Die neu angebaute Gebäudehülle zwischen 60 cm und 3 m aus einer Stahl-Holz-Konstruktion mit Glas- und Photovoltaikelementen ist eine thermische Pufferzone und bietet zusätzlichen Wohnraum.

Bildquelle: Gernot Reisenhofer
Gernot Reisenhofer, Projektmitarbeiter

Diese E-Lobby im Eingangsbereich soll den Menschen im Haus bzw. im gesamten Viertel eine nachhaltige Form der Mobilität näherbringen. Die Leute können ganz einfach E-Bikes ausborgen und ausprobieren.

Beteiligung der Bewohnerinnen und Bewohner

Ein wichtiger Eckpfeiler in der Konzeptentwicklung und Planung war die intensive Einbindung der Bewohnerinnen und Bewohner des betreffenden Siedlungsgebietes in Leoben, welches auch Sonneninsel genannt wird:

 

  • Im Juni 2014 wurde ein Dialogbüro für die Leute vor Ort eröffnet: um sich über das Sanierungsvorhaben zu informieren, Fragen zu stellen und Ideen einzubringen.
  • Zur gleichen Zeit veröffentlichte das Projektteam die Website Sonneninsel und richtete eine Telefonhotline für Interessierte ein. 
  • Im Rahmen von Workshops informierte das Projektteam unter anderem Möglichkeiten der Wohnungsgrundrissänderung und die Erdgeschoßnutzung. 
  • Mittels einer Abstimmung wurde im September 2014 Wohnhaus festgelegt, an dem die weiterführende Detailplanung und Kostenkalkulation durchgeführt wurde. An diesem Wohnhaus werden in weiterer Folge ein Prototyp und das Gesamtprojekt umgesetzt.
  • Ab Februar 2015 wurden die Bewohnerinnen und Bewohner des ausgewählten Wohnhauses von den Architektinnen und Architekten des Instituts für Gebäudelehre besucht, um den Bedarf bzw. die Anpassungen an die persönliche Wohnbedürfnisse zu erheben.
  • Im März 2016 startet die Errichtung des Prototyps am Demonstrationsgebäude. Die Größe entspricht der Pufferzone einer Wohneinheit.
  • Im Herbst 2016 beginnt die Generalsanierung des Wohnhauses.

 

 

 

Bildquelle: TU Graz/IGL

Luftbild der Siedlungsanlage in Leoben mit den Umgebungsbedingungen

Kontakt

Institut für Gebäudelehre
Lessingstraße 25/IV
8010 Graz

Hans GANGOLY
Univ.-Prof. Dipl.-Ing. Architekt
Projektleitung
Tel.: +43 316 873 6290
gangolynoSpam@tugraz.at 

Gernot REISENHOFER
Dipl.-Ing.
Stellvertretung
Tel.: +43 316 873 6796
gernot.reisenhofernoSpam@tugraz.at 

Zum Nachlesen und Vertiefen

Zusammenarbeit macht erfolgreich

Um die Projektziele zu erreichen, kooperieren die Forschenden vom Projekt „STELA“ im Field of Expertise „Sustainable Systems“ der TU Graz national und international mit zahlreichen Forschungseinrichtungen:

Kooperationen mit Forschungseinrichtungen

  • Energie Steiermark
  • Energie Steiermark Mobilitäts GmbH
  • Gangoly & Kristiner Architekten ZT-GmbH
  • IBO Öst.Inst. f. Baubiologie u. -ökologie
  • Institut für Tragwerksentwurf, TU Graz
  • Montanuniversität Leoben
  • neukühn OG
  • Norbert Rabl ZT-GmbH
  • Sammer & Partner ZT-GmbH
  • Stadtgemeinde Leoben Baudirektion
  • VATTER & Partner ZT-GmbH