Entwerfen 3

„Jeder Eingriff bedingt eine Zerstörung: zerstöre mit Verstand.“ Aphorismus von Luigi Snozzi

Das Dach schließt nicht einfach nur das Gebäude gegen den Himmel und schützt vor jeglicher Witterung. Es bildet die fünfte Fassade eines Bauwerkes und spielt eine wesentliche Rolle für den Ausdruck eines Hauses.

„Unser“ Dach befindet sich in der Lessingstraße und ist insbesondere Teil der Dachlandschaft des TU Campus. Es ist ein ungedämmtes Dach und eigentlich nicht dafür gedacht, dass der Dachraum, den es umschließt, einer besonderen Bestimmung zugeführt wird.

Einst war der Raum unter dem Dach ein Ort der Armut oder des Lagerns, heute ist er zunehmend ein Ort des Status und des Kapitals, schließlich hat man alle unter sich.

Josef Frank (1931) sieht im bewohnten Dachgeschoss das Ideal eines Hauses „Das moderne Wohnhaus entstammt dem Bohèmeatelier im Mansardendach (…) das aus Zufällen aufgebaut ist, es enthält das, was wir in den darunterliegenden, planvoll und rationell eingerichteten Wohnungen vergeblich suchen: Leben, große Räume, große Fenster, viele Ecken, krumme Wände, Stufen und Niveauunterschiede, Säulen und Balken, — kurz all die Vielfältigkeit, die wir im neuen Haus suchen, um der trostlosen Öde des rechteckigen Zimmers zu entgehen.(…)“1

Ziel dieser Aufgabe ist es, die von Josef Frank beschriebene Vielfalt des Dachraumes zu erkennen und ihn zweckdienlich zu machen. Unsere Bewohner*innen leben nur temporär unter diesem Dach, vielleicht ein Jahr, vielleicht auch nur ein paar Tage. Sie sind im Umfeld der TU Graz als Gastprofessor*innen, Vortragende oder Lehrende zu finden, die über eine beschränkte Zeitspanne für die TU Graz tätig sind. Was also braucht eine Bleibe für ein, zwei Nächte, was ist notwendig, um ein Jahr ein temporäres Zuhause unter einem Dach zu finden?

In der Gestaltung des Daches ist „anything goes“ nicht einmal als studentischer Entwurfsansatz geeignet. Graz definiert sich über seine Dächer. Der Blick vom Schlossberg und die dazugehörige einzigartige Dachlandschaft sind wesentlich für das Stadtbild von Graz und durch das Grazer Altstadterhaltungsgesetz geschützt. Die Dächer der Grazer Innenstadt haben auch die Auszeichnung Weltkulturerbe erhalten. Das Gebäude und damit auch das Dach befinden sich in der Schutzzone III, d.h. die Altstadtsachverständigenkommission diszipliniert den Entwerfenden. Einer unserer Dialogpartner im Entwurfsprozess ist deshalb der Vorsitzende der Altstadtsachverständigenkommission, Herr Arch DI Alfred Bramberger. Er wird den Entwurfsprozess begleiten und Position beziehen.

Der historische handwerkliche gearbeitete Dachstuhl in seiner Fragilität und Ästhetik wird sich verändern müssen, dazu disziplinieren uns wiederum die Ö-Normen. Deshalb bedienen wir uns eines weiteren Partners. Der Landesinnungsmeisters der Zimmerleute, Herrn DI Oskar Beer, der selbst einen Zimmermannsbetrieb führt, wird uns das Handwerk und die Praxis im Umgang mit Dachstühlen näherbringen, damit am Ende der Übung alles unter Dach und Fach ist.

1 Frank, Josef: „Das Haus als Weg und Platz“, in: Der Baumeister, Wien 1931.

141.506
Design 3
4
UE
WS
Lecturer
Castorph
Matthias

Arbeiten der Studierenden